Über den Umgang mit Kritik
von Manuel Schmitt // 31.01.2019 11:53 // 9

Der Musiker Rezo hat in einem Video seinen YouTube-Kollegen 2Bough ins Visier genommen und in 40 Minuten dessen Reaction-Videos analysiert. Dies ist eine Kolumne zu dem Thema Kritik und Reaction in unserer heutigen Zeit - und wie leichtfertig, oftmals rechtfertigend und selbstüberschätzend diese Begriffe heutzutage verwendet werden.

Rezo ist ein YouTuber, der mit seinen Eigenkompositionen, Coverversionen, MashUps, musikalischer Comedy und Musikvideos bekannt geworden ist.

2Bough ist ein Musik-Produzent, der auf seinem Kanal überwiegend Reaction-Videos produziert, in denen er andere, meist klickstarke Musik-Videos kommentiert.

Am 16.01.2019 veröffentlichte Rezo dieses Video, in dem er das von 2Bough präsentierte Image anzweifelte und dies mit Beispielen aus 2Bough's Videos untermauerte. 2Bough hat auf Rezo's Video einen Tag später reagiert und eine Stellungnahme dazu veröffentlicht.

Vielleicht muss ich zuerst einmal erklären, warum mich dieser YouTube-Beef interessiert, denn normalerweise liegt mir nichts ferner, als diese teilweise absichtlich herbeigeführten Querelen zu beachten, da dabei die Selfpromotion eigentlich immer im Vordergrund steht. Bei diesem Fall jedoch erkenne ich darin eine Relevanz, die über YouTube hinausgeht und eine Problematik, die mich in meinem kreativen Schaffen seit Anbeginn begleitet hat.

Begriffsdefinition

Es geht im breitesten Sinne um Kritik an kreativen Werken – sei es Musik, Literatur, Theater oder bildende Kunst. Im breitesten Sinne meint: alle Form der Kritik, von konstruktiver und nicht konstruktiver Kritik zu Reactions bis hin zu Kommentaren, Tweets oder Posts, die sich mit einem kreativen Werk auseinandersetzen, es bewerten, oder sonstwie in die künstlerischen Entscheidungen eingreifen wollen.

Ebenso wichtig ist die deutliche Abgrenzung von Kritik an künstlerischen Werken zu Kritik an wissenschaftlichen, politischen, faktenbasierten Werken. An dieser Unterscheidung wird schon eine Grundthese dieses Artikels klar: Eine Kritik an fehlerhafter wissenschaftlicher Arbeit oder Kritik an politischer Argumentation bewerte ich anders als eine Kritik an einem wie auch immer gearteten Kunstwerk, dessen Gestaltung allein dem Künstler obliegt. Es ist eine Differenzierung zwischen faktischem Fehler und persönlichem Geschmack. (Es gibt natürlich auch hier Grauzonen, zum Beispiel wenn in einem kreativen Video falsche Fakten oder politische Ansichten integriert werden.)

Mark Twain

Der Kritiker und der Künstler

Das Verhältnis zwischen Kritiker und Künstler ist schon immer angespannt gewesen. Ein paar Beispiele gefällig? Ein Zitat des amerikanische Schriftstellers Dale Carnegie: "Jeder Narr kann kritisieren, verurteilen, reklamieren - und die meisten Narren tun es auch." Der deutsche Schauspieler Siegfried Lohwitz sagte einmal: "Kritiker sind wie Eunuchen: sie wissen wie's geht, aber sie können's nicht.". Einer der berühmtesten 'Beefs' der jüngeren Literaturgeschichte ist der Schlagabtausch zwischen Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki ("Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus."): Nach dem Zerriss seiner Arbeit, schrieb Martin Walser einen ganzen Roman, in dem eine Figur auf Reich-Ranicki basierte. Der Roman trug den Titel Tod eines Kritikers und war ein fast schon manischer Versuch, sich an Reich-Ranicki zu rächen.

Auch ich habe schon bittere Erfahrungen mit Kritikern machen müssen. Mit 18 Jahren habe ich, noch in der zwölften Klasse am Gymnasium, meine erste Regieerfahrung am Theater gesammelt und zusammen mit Schulfreunden Dürrenmatt's Die Panne auf die Bühne gebracht. Für mich und meine jungen Schauspiel-Kollegen war das ein großes Wagnis – zum ersten Mal sind wir der einigermaßen sicheren Umgebung der Schule entflohen und haben alles selbst auf die Beine gestellt: die Organisation des Aufführungsortes, die Technik, Versicherung, Pressevorlauf, Kartenverkauf und, nicht zuletzt, Inszenierung.

In der lokalen Presse sind wir wohlwollend aufgenommen worden – bis auf einen Artikel, der uns komplett zerrissen hat. Nichtsahnend hatte ich den Artikel am Frühstückstisch in Anwesenheit meiner Familie laut vorgelesen. Den Namen des Kritikers habe ich bis heute im Gedächtnis.

Die Panne von Dürrenmatt - Kritik

der Kritiker heute

Doch der Begriff 'Kritiker' ist heutzutage nicht mehr Synonym mit 'Journalist' oder 'Experte' (manche würden sagen, das war er nie). Heutzutage ist jeder ein Kritiker, der die Tastatur seines Computers oder Smartphones verwenden kann. Und jeder, der einen süffisanten Kommentar unter einem Video postet, tut ja nur 'seine Meinung' kund. Künstler, die sich gegen solche Kommentare wehren, werden schnell als nicht kritikfähig abgestempelt.

Die Mär der konstruktiven Kritik

Und genau hier liegt der Grund dafür, dass ich diesen Artikel schreibe. Denn die meisten verstehen einfach nicht, was konstruktive (=aufbauende) Kritik eigentlich bedeutet: Nämlich nicht nur Fehler aufzuweisen, sondern auch den Weg der Verbesserung aufzuzeigen. Und selbst dann muss man verstehen, dass konstruktive Kritik viel besser funktioniert, wenn sie wohlwollend und mit einer gewissen Demut formuliert wird. Ich weiß, dass es viele Menschen geben wird, die sagen werden: "Die Gültigkeit einer Kritik hat nichts mit der Art zu tun, wie sie hervorgebracht wird". Und das stimmt natürlich.

Aber wenn Deine Kritik das Ziel hat, dem Künstler zu helfen, oder ein Werk noch besser zu machen, dann sollte die erste Zielsetzung sein, dass der Künstler diese Kritik auch annehmen kann, und das beginnt mit der Formulierung. Kommentare wie "Das Blau sieht aber scheisse aus! Nimm was anderes!" oder "Das mit dem Singen üben wir aber nochmal!" funktioniert viel besser, wenn man es vorsichtiger formuliert: "Das Blau scheint mir persönlich etwas zu stark im Vergleich mit den anderen Farben. Gibt es einen Grund für die starke Sättigung?" oder "Hey das klingt super, nur bei der einen Stelle, wo es so hoch wird, habe ich das Gefühl, dass Du den Ton nicht exakt triffst."

Dies setzt natürlich voraus, dass man erstens dem Künstler tatsächlich helfen möchte, zweitens sich wirklich auskennt, drittens auch in Betracht zieht, dass man mit seiner Einschätzung daneben liegen könnte und viertens sensibel mit Sprache umgehen kann. In meiner Zeit als YouTuber und Twitcher habe ich unzählige Beispiele an mir abprallen lassen, die diese Sprachsensibilität nicht besaßen oder sich nicht wirklich mit dem Werk auseinandergesetzt hatten. Selbst wenn die Kritik gerechtfertigt war, habe ich mich oftmals über die Art der Darbringung geärgert, denn eine flapsig formulierte Kritik kommt schnell arrogant und von oben herab rüber. Es ist für jeden schwer, solche Kommentare zu verarbeiten.

Der Ton macht die Musik

Denn ihr, diese 'Kritiker', die sich gerne mit markanten Sätzen zu Wort melden und selbstgefällig ihre Meinungen unter Videos kundtun, versteht eines nicht: Als Künstler ist man mit seinem Werk verwachsen. Alle Angriffe auf das Werk fühlen sich wie Angriffe auf einen selbst an. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob wir von jemandem sprechen, der ein Meisterwerk komponiert hat oder jemandem, der einen dilettantischen Versuch einer Kurzgeschichte geschrieben hat. Jeder Künstler arbeitet an seinem eigenen Limit.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Menschen, die selbst kreativ arbeiten, selten ungefragt Kritik üben. Oder anders formuliert: Ein harscher Kritiker hat wahrscheinlich selbst nie den Angriff auf seine Arbeit erfahren müssen. Und tatsächlich bestätigen unzählige Anekdoten diese These: Der Kritiker meines Regiedebüts von Die Panne zum Beispiel versuchte, die Veröffentlichung zweier Lesebriefe zu verhindern, die seine Kritik kritisierten. Auch auf YouTube kam es immer wieder dazu, dass ich Kritiker angegriffen habe, die zuerst mich und meine Arbeit attackiert hatten. Oftmals war die Reaktion auf meinen Gegenkommentar gekränkte Verwunderung. Man würde ja 'nur seine Meinung sagen'. Ja, ich auch!

2Bough und seine Reaktion

Kommen wir zu 2Bough und seiner Reaktion auf die von Rezo angebrachte Kritik. Denn hier offenbart sich abermals die ambivalente Haltung von Kritikern auf Kritik. Obwohl er viele Argumente von Rezo akzeptiert und damit den Eindruck vermittelt, mit Kritik umgehen zu können, so sind doch ein paar wenige, dafür umso wichtigere Kritikpunkte nicht verstanden worden. Und tatsächlich sehe ich dieses Unverständnis symptomatisch für die heutige Kommentar- und Diskussionskultur.

2Bough YouTube

Er sagt, er will subjektiv und neutral die Werke anderer kommentieren. Das an sich ist schon ein Widerspruch. Subjektiv ist nicht neutral! Er sagt, dass er YouTubern helfen will, sich zu verbessern und dass durch seine Kritik für alle ein besseres Produkt herumkommt. Nocheinmal: das ist subjektiv! Herrgott, niemand hätte voraussagen können, dass Punk oder BlackMetal gerade aus einer Anti-Haltung eine eigene Ästhetik entwickeln würden, die schließlich eine eigene Musik-Bewegung herbeiführen würde. Es gab bestimmt unzählige Kritiker, die den Bands Tipps zu Komposition oder Abmischung gegeben haben, ohne zu verstehen, dass die simple Songstruktur oder die schlechte 4-Spur Abmischung die Geburt einer neuen Musikrichtung darstellen. Solange nicht jemand zu Dir kommt und sagt: "Hey, kannst Du mir bitte Feedback zu meiner Musik geben, denn ich als Künstler bin der Überzeugung, dass Du mein Werk verstehst", solange ist Deine Kritik nicht gefragt und zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch Fehl am Platze.

2Bough rechtfertigt sich, in dem er anführt, er habe ja bestimmte Dinge nur 'zum Entertainment' gesagt. Dieses Entertainment gilt seinen Zuschauern, nicht dem Künstler, dem er angeblich helfen will. Wenn er in einem Video über Marcel Scorpio ablacht, dann lacht er über den Künstler, nicht mit ihm. Und ja, ich verteidige hier einen Marcel Scorpio genauso wie eine Katja Krasavice. Wer Videos von viel geklickten Artists auf seinem Kanal anguckt, kommentiert und sich darüber lustig macht, ist schlicht scheinheilig. Wie in meinem Artikel Die Krux mit der Fanart in Bezug auf Cosplay und Fanart beschrieben, profitieren Reaction-Videos fast noch mehr von den eigentlichen Werken und sollten meiner Meinung nach entmonetarisiert werden oder dem eigentlichen Künstler zugute kommen.

Gotthold Ephraim Lessing - Kritiker

Darf ich jetzt meine Meinung nicht mehr kundtun?

Doch. Darfst Du! Entgegen der implizierten Aussage von Rezo bin ich auch nicht der Meinung, dass Du etwas besser können musst, um kritisieren zu dürfen. Du solltest Dich nur fragen, was Du damit bezwecken willst. Wenn Du einem Künstler bei seiner kreativen Entfaltung helfen und ihn auf einen verbesserungswürdigen Aspekt seines Werkes aufmerksam machen willst, dann tu das mit Respekt, idealerweise nicht öffentlich und immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass auch Du Dich irren kannst oder die künstlerische Intention nicht verstanden hast! Mach keine dummen Witze, zieh das Werk nicht ins Lächerliche oder amüsier Dich darüber, wie schlecht Du es (in Teilen) findest! Denn dann kann ich Dir nicht mehr den wohlwollenden Kritiker abnehmen.

Lies Deinen Kommentar noch einmal durch, bevor Du ihn abschickst! Selbst wenn Du meinst, er sei freundlich und neutral formuliert, stell Dir einmal vor, jemand würde diese Formulierung dafür nutzen, Dein Aussehen zu beschreiben! So wie Du Kommentare über Deine Haare, Deine Nase, Deine Figur oder Kleidung persönlich nimmst, so nimmt jeder Künstler Kritik an seinem Werk persönlich.

Zum Abschluss noch zwei versöhnliche Worte zu 2Bough: Ich kenne ihn tatsächlich auf YouTube schon länger und im Grunde scheint er ein wirklich sympathischer Typ zu sein. Sein Antwort-Video verdient Respekt. Ich verstehe seine 'Entertainment' Herangehensweise absolut – und sie ist auch zu 100% Zeitgeist. Ich kann es allerdings nicht ändern, aber sehe mich auf der anderen Seite, der des Kritisierten. metaldemos.com und runtimehq.com und sogar alendia.com hatten immer eine Richtlinie: Ich bewerte nicht negativ, nur positiv. Ich stelle nicht Fehler heraus, sondern beleuchte Errungenschaften. Erst wenn jemand explizit nach meiner Meinung fragt, dann arbeite ich konstruktiv und detailliert die – aus meiner Sicht – verbesserungswürdige Aspekte heraus.

Wie stehst Du zu der Debatte? Wie gehst Du selbst mit Kritik um und wie kommentierst Du selbst unter Videos?

Kommentare
Qu
Quenton schrieb am 19.01.2019:
Hallo SgtRumpel,

zunächst einmal, wie fast immer: ein herausragender Text und vielen Dank für deine Gedankengänge dich meine inspirieren.

Nun gibt es bei diesem Text zwei Aspekte welche ich nicht verstehe bzw. wo ich eventuell die Intention anders interpretiere als scheinbar du.

Zunächst aber erstmal die Frage. Du schreibst in deinem Text dass du, anders als Rezo, der Meinung bist dass man seine Meinung kundtun darfst und nicht zwangsläufig mehr Ahnung von der Materie haben muss, schreibst aber später:

"metaldemos.com und runtimehq.com und sogar alendia.com hatten immer eine Richtlinie: Ich bewerte nicht negativ, nur positiv."

Ist das nicht eine Art der Zensur, womit keine ordentliche Kritik mehr zustande gebracht werden kann? Eine Kritik ist zwangsläufig negativ, sonst würde ich es nicht kritisieren, sondern dem Werk applaudieren. Dementsprechend ist eine Kritik durch die Verwehrung von negativen Aspekten keine Kritik mehr. Vermutlich, zumindest gehe ich stark davon aus, missverstehe ich etwas. Ich würde mich über eine Korrektur von dir (oder auch gerne jemanden der Community hier) freuen, der mir das erklärt.

Zum anderen Aspekt. Ich vermute du missverstehst eine Aussage seitens Rezo.
Ich vermute (wissen tue ich es natürlich nicht) das grundsätzliche Kritik auch bei Rezo bzw. seinen Songs in Ordnung sind, wäre dem nicht der Fall, hätte er vermutlich bereits seine YT-Kommentare deaktiviert. Hingegen dass er scheinbar ein Problem damit hat dass gewissen Dinge als expliziete Fehler dargestellt werden. 2Bough als Beispiel, hat an einigen Stellen den Künstlern Fehlern in der Musik unterstellt und dies nicht als seine Meinung klassifiziert. Unabhängig das Rezo bei einigen Stellen keine Fehler erkennen konnte, meinte dieser dass es in der Musik keine Fehler gibt. Es ist ein Geschmack. Meine Vermutung ist als dass Rezo sich gegen diese harsche Kritik wert und es verurteilt das andere aufgrund dieser angeblichen Fehler selber Einnahmen generieren. Denn durch die Aussage "Hier hast du einen Fehler gemacht" stellen sich entsprechende Personen über den Künstler, obwohl ihnen das nicht zusteht, da Kunst eine Geschmackssache ist. Hingegen hätte Rezo vermutlich kein Problem mit der Aussage "Ich denke hier wurde ein Fehler gemacht und würde es hier so und so machen um... einen besseren Flow zu erzeugen" (keine Ahnung, kenne mich nicht aus)

Letztlich ist auch ein "Kritiker" (grade in unserer heutigen Zeit) meiner Meinung nach ein wenig zwischen verschiedenen Aspekten gefangen. Bleiben wir bei dem Beispiel YouTube und gehen davon aus dass der "Kritiker" in der Lage ist sachlich auf gewisse Aspekte hinzudeuten, ohne dass der Künstler (YouTuber) sich davon auf dem Schlips getreten fühlt. Der Künstler stellt sich hin und sagt (in meinen Augen auch verständlich), dass er seine Kunst nicht für andere ins Leben ruft, sondern seine Kunst für seine persönliche Entfaltung generiert. Der Viewer/Zuschauer/"Fan" ist grundsätzlich ein begeisterter Freund der Werke des Künstlers. Natürlich hat der Künstler Recht und macht seine Kunst nicht für diesen einen Zuschauer. Jedoch will der Künstler auch im besten Fall von seiner Kunst leben. Der Kritiker ist an dieser Stelle ein großer Freund der Werke des Künstlers und will mit seiner Kritik dem Künstler nur gutes tun. Aus seiner Sicht, da er sich selber als einer von vielen sieht, könnte er dem Künstler helfen bekannter zu werden, davon besser zu leben und eventuell sogar noch bessere Werke zu erschaffen da der Künstler im besten Fall nicht mehr unter den Zwang steht Geld zu erwirtschaften, indem er einige Aspekte in seiner Verwirklichung ändert und auf den Kritiker hört. Auf der anderen Seite würde er damit in die persönliche Entfalltung des Künstlers eingreifen, welche ihm nicht zusteht. Schon im Grundgesetzt steht, "Die Würde des Künstlers ist unantastbar".
Viele "Kritiker" auf YT sind der Meinung das die YouTuber ihre Videos für sie machen. Ganz falsch ist diese Aussage, meiner Meinung nach, auch nicht. Erst recht nicht, wenn die YouTuber davon auch wirklich leben wollen. Nicht ohne Grund bedanken sich regelmäßig diverse YouTuber bei ihren Viewern dafür dass ohne sie "das alles garnicht möglich wäre". Auf der anderen Seite ist es durch aus eine Verwirklichung eines Menschen und der YouTuber macht es eben nicht für die Zuschauer, sondern für sich selber. Was ist also richtig, was ist falsch? Wie stark darf ein Kritiker kritisieren und an welcher Stelle wird der Künstler zur übertragenen Diva (im negativen Sinne).
Wie stark darf/sollte sich ein Künstler in seine Kunst rein reden lassen, um weiter mit seinen Werken seinen Lebensunterhalt zu generieren und damit seine persönliche Entfalltung mehr freiheit zu generieren und auch um nicht den Kontakt zu seinen "Kunden" zu verlieren und ab wann sollte der Künstler ein Strich ziehen um seiner Linie treu zu bleiben und nicht zum Einheitsbrei zu werden?

Ich vermute dass diese Fragen, eines Künstlers und seinen Kritikern, sogar nicht nur diese beiden Parteien betreffen, sondern viel globaler zu betrachten sind.
Ist es in Ordnung, wenn ein Mensch sich in seiner Arbeit verwirklichen will und Kind und Partner alleine Zuhause lässt? Der Mensch ist der Künstler und seine Arbeit seine Kunst, der Partner und das Kind die Kritiker.
Auch in der harschen Wissenschaft kann man dieses Beispiel übertragen. Professoren, welche Zeit ihres Lebens, ihre gesamte Energie in eine Thematik investieren werden zu regelrechten exzentrikern wenn andere wissenschaftliche Belege gegen ihre Thesen ins Feld geführt werden.

Die viel entscheidene Frage, meiner Meinung nach, sollte also nicht sein wie viel Kritik darf geübt werden und wer darf diese formulieren, sondern sollte viel stärker in die Richtung geführt werden: "Wie sollte eine Kritik überbracht werden und wie geht der Kritiker darauf ein?" Der Aspekt, wie weit darf Kritik geübt werden, muss meiner Meinung nach von jedem Künstler selber im laufe des Lebens und seiner Kunst fest gesteckt werden.

In diesem Sinne: Frohes Schaffen und eine wundervolle Entfalltung,
euer Quenton
Sg
SgtRumpel antwortete am 19.01.2019:
Hey Quenton!

Tatsächlich gibt es zwei Wortbedeutungen von 'Kritik':

- prüfende Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten
- das Kritisieren, Beanstanden, Bemängeln

Ich benutze Kritik meist in der ersten Definition. Eine prüfende Beurteilung kann ja durchaus auch positiv ausfallen. Bei meinen Webseiten ging es eher darum, die positiven Aspekte der Werke der Community zu beleuchten, mit der Intention, zu weiterer Auseinandersetzung mit der Materie zu inspirieren, also zum Weitermachen zu animieren. Gerade bei jungen Menschen ist es durchaus zielführend, zu motivieren als nur auf Fehler aufmerksam zu machen. 'Zensur' finde ich hier das falsche Wort, da es ja explizit um Kunstwerke geht, nicht um politische Meinung oder Fakten. Da sieht die Sachlage natürlich anders aus.

Zu Rezo: Ja, der Artikel geht noch ein, zwei Schritte weiter als das, was Rezo formuliert. Ich glaube auch, dass er grundsätzlich mit Kritik umgehen kann. Wie gesagt, auch hier ist der Knackpunkt 'künstlerische Freiheit'. Insofern glaube ich nicht, dass ich ihn falsch verstanden habe, sondern dass wir sogar diesbezüglich einer Meinung sind: Kritiker sollten sich bewusst sein, dass die von ihnen geäußerte Kritik subjektiv ist und sie eventuell die Intention des Künstlers nicht verstanden haben. Ich gehe diesbezüglich insofern weiter, als dass ich insgesamt vier Punkte aufzähle, die meiner Meinung nach für eine konstruktive Kritik nötig wären.

Dein Blick auf Künstler und Publikum ist natürlich ein interessanter und durchaus kontroverser. Es ist im Endeffekt der Kampf zwischen Kunst und Kommerz, wenn auch von Dir etwas vorsichtiger formuliert :) Die Frage, wie der Künstler mit seinem Publikum umgeht kann nur der Künstler selber beantworten, es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Es gibt viele Beispiele, bei denen Künstler kaum auf Kritik und Publikum gehört haben, sondern stur bei ihrem Konzept geblieben sind. Das führte manchmal dazu, dass der Künstler kaum mehr wahrgenommen wurde, in anderen Fällen war aber gerade das ein Qualitätsmerkmal. Wer sich immer versucht, einem Publikum anzuschmiegen, der wird ultimativ scheitern, meiner Meinung nach, denn auch beim Publikum sind die Geschmäcker sehr unterschiedlich.

Die letzte Frage, die entscheidende, wie Du geschrieben hast, ist ja tatsächlich die Frage, die ich in dem Artikel beschreibe: Nicht OB und WER, sondern eher WIE wird Kritik geäußert! Da sind wir uns also einig :D
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De
DerTanzschuh schrieb am 20.01.2019:
HeyHo,
super Artikel! Du hast echt eine gute Gedanken gebracht.

Für mich das Wichtigste an Kritik, ist tatsächlich die Art der Formulierung. Wie du es im Abschnitt »Die Mär der konstruktiven Kritik« auch gemacht hast – ob aus Versehen oder ganz bewusst – sollte gute Kritik immer aus der ICH-Perspektive formuliert werden. „Ich finde …“, „Mir persönlich …“, usw. sind hier gute Anfänge. Dann wird auch gleich klar, dass es hier nicht um einen Wissenschaftlichen Fakt geht, wie Rezo es in seinem Video nennt, sonder eben um den eigenen Geschmack. „Die Snare ist falsch.“ Nein. „Ich finde die Snare an dieser stelle unpassend.“ oder noch besser, gleich och mit einem Grund verbinden, was aber wiederum Fachwissen benötigt „Mir persönlich ist die Snare an dieser Stelle zu dominant. Sie verdrängt andere Instrumente.“ (Ich bin kein Musiker, aber das war was, was mir plausibel vorkam.)
Hier finde ich dann auch deine eine Idee gut, eine Frage zu stellen. „Machst du das mit Absicht?“ „Warum hast du dich dafür entschieden?“ Vielleicht war das ja genau der Effekt den der Künstler erreichen wollte, das eine Farbe – dein Beispiel mit dem Blau – oder ein Instrument hervorsticht.

Ich kenne das aus meiner Arbeit als Webentwickler und Designer. „Das Plakat sieht doof aus“ hilft mir kein bisschen, aber mit „Die Schriftart passt meiner Meinung nach wegen den ausgeprägten Serifen nicht zum Thema/Zielgrruppe“ oder „Mir fällt es schwer mich auf ein Element zu konzentrieren. Es könnte daran liegen, dass …“ – damit kann man was anfangen.

Problem ist – wie gesagt –, dass das nicht jeder kann, weil nicht jeder Profi in dem Bereich ist. Meine Mutter kommt öfters auf mich zu und sagt sowas wie: „Irgendetwas stört mich an diesem Plakat/Heft/… Ich finde es (optisch) nicht gut. Warum?“. Und meist kann ich ihr dann ein paar Punkte nennen, die mir auffallen, und dann kommt oft „Ja. Danke. Das ist es.“ Und ich glaube das war auch der Grundgedanke von Rezo. Klara darf jeder seine Meinung äußern, aber nur mit genug fachlicher Erfahrung wird daraus dann auch hilfreiche – oder konstruktive, um das Fremdwort auch zu nennen – Kritik. Ich merke zum Beispiel wenn mir ein Lied nicht gefällt, kann aber nicht sagen warum. Und dann kommt noch ein Bass dazu und zack, das war’s. Oder mir schmeckt ein Gericht nicht – das kann jeder beurteilen – aber ich kann nicht sagen was fehlt. Pfeffer, Salz, … keine Ahnung. Hier kann ein erfahrenerer Koch besser weiterhelfen.

Und wenn Kritik so formuliert wird – also aus der ICH-Perspektive und mit einer Begründung oder Nachfrage – dann greift sie mich auch nicht persönlich an. Ja, ich gebe dir Recht, dass man als Kreativer sich doch mehr mit seiner Arbeit identifiziert, aber wenn Kritik so formuliert ist, kann ich sie auch besser annehmen. Dann verstehe ich sie viel eher als Kritik an meiner Arbeit und eben nicht an meiner Person und sehe sie als Chance besser zu werden und Erfahrung zu sammeln. Ich finde, das ist auch ein wichtiger Prozess in der Persönlichkeitsentwicklung, zu lernen das zu differenzieren.

Eigentlich bräuchte es hier mal ein gutes Tutorial zu: „How To: Kritik formulieren“.

Sg
SgtRumpel antwortete am 21.01.2019:
Absolut! Konstruktive Kritik zu geben ist tatsächlich schwer und mühsam, da man nicht nur auf sein direktes Gefühl eingehen kann, sondern auch nachdenken muss, woran es liegt, dass einem das Werk nicht stimmig vorkommt :) Das zu begründen ist schwerer, als man vielleicht im ersten Moment denkt.
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Je
Jeedediah schrieb am 23.01.2019:
Einer der wichtigsten Punkte, die du angesprochen hast, ist die Verbundenheit des Künstlers mit seinem Werk.
Zeit, Mühe, mit unter Schweiß und Überwindung wurden von ihm aufgebracht um es zu schaffen.
Und dann wird das ganze mit einem schlichten "Das ist Sch***e." abgekanzelt? So etwas finde ich besonders verwerflich.
Klar ist beispielsweise ein Text vielleicht kein Meisterwerk, aber dennoch bedeutet er dem Autor etwas. Und dies mit Füßen zu treten ist respektlos.
Leider ist so ein respektloser Umgang mit anderen Menschen und deren Meinungen heute scheinbar an der Tagesordnung.
Sg
SgtRumpel antwortete am 31.01.2019:
Umso wichtiger, dass man in dem Kommentaren auch dagegen vorgeht! :D Also nicht nur als betroffener Künstler, sondern auch als jemand, der als Zuschauer die Kommentare liest.
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Je
Jerina Lande schrieb am 31.01.2019:
Da ich selbst künstlerisch tätig bin, kenne ich diese Verbundenheit zu den eigenen Werken ganz gut. Verständlicherweise formuliere ich daher Kritik grundsätzlich nach den von dir angeführten Punkten. Erstens so konstruktiv wie möglich, denn wenn mein Bestreben ist, dem Künstler zu helfen, dann muss ich erklären können, was genau an seinem Werk mir nicht ganz so gelungen wie alles andere erscheint. Um die entsprechenden Aspekte herauszufiltern, beschäftige ich mich von vornherein etwas länger mit dem Werk und erweise dem Künstler somit einen gewissen Respekt. Dann gehe ich nach demselben Prinzip vor wie bspw. du auf Âlendia. Ich formuliere meine Kritik so, dass sie immer zu einem größeren Teil positiv ist anstatt negativ. Da es mein Ziel ist, dass der Künstler meine Kritik auch annimmt, muss er sie verdauen können. Und das geht nun einmal leichter, wenn Kritik mit Lob einhergeht. :-)
Zudem kritisiere ich äußerst selten. Kunst in all ihren Formen ist Geschmackssache. Was ich selbst nicht mag, kann bei jemand anderem grenzenlose Bewunderung auslösen. Ich habe für mich festgestellt, dass es sich so viel leichter und gemütlicher lebt, wenn man nicht immer auf alles achtet, was einem nicht gefällt. Kritik übe ich nur, wenn man mich explizit danach fragt oder wenn ich merke, dass ich den Künstler mit meinen Anregungen und Empfehlungen wirklich weiterbringen kann.

Viele User auf Youtube oder anderen Netzwerken formulieren ihre Kritik übrigens so scharf oder lasch, weil es sie gar nicht interessiert, jemandem damit zu helfen. Wer in seiner Kritik beleidigend wird, hat das Ziel, den Künstler zu verletzen. Schlechten Tag gehabt, Job verloren, Freund/in abgehauen, niedriges Selbstwertgefühl- es gibt unzählige Gründe, weshalb man jemand anderem einen miesen Tag bereiten möchte. Das läuft- denke ich- nach demselben Prinzip, seine Mitmenschen zu diskreditieren, um selbst besser dazustehen. Und Leute, die auf diesen Zug aufspringen, ergötzen sich ebenfalls selbst (vielleicht auch unterschwellig) am Leid eines anderen Menschen. "Ich vertrete nur meine Meinung" ist wohl gleichzusetzen mit "Ich lasse hier mal ein wenig Dampf ab und es ist mir sch***egal, ob ich dir damit schade."

In diesem Text hast du dich hauptsächlich auf das Verhalten des Kritikers bezogen. Vielleicht kannst du in einem der folgenden Artikel den Spieß ja mal umdrehen und beleuchten, wie man als Künstler mit Kritik- konstruktiv als auch beleidigend- besser umgehen kann oder bspw. reagieren könnte, wenn der/die beste Freund/in oder Lieblingskünstler/in kritisiert wird. Denn als Künstler ist man- auch, wenn es tatsächlich nie besonders schön ist, kritisiert zu werden- oft auch auf Kritik angewiesen.
Sg
SgtRumpel antwortete am 31.01.2019:
Ein interessanter Ansatz für einen Artikel! Werde ich mal drüber nachdenken müssen :D

Ich glaube tatsächlich, es gibt noch einen weiteren Grund, den man zu Deiner Auflistung hinzufügen kann, warum man mit einer Kritik kein Feingefühl zeigt bzw zeigen will: Überheblichkeit. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass Leute sich gerne mit einer solchen Kritik über den Künstler stellen wollen, im Sinne von: "Du hast keine Ahnung". Im Endeffekt ist es das alte Prinzip, sich besser zu fühlen, indem man andere heruntermacht. Das meinte ich auch in dem Artikel damit, dass man eine Kritik eben auch mit einer gewissen "Demut" formulieren sollte.
❯ Antworten
Co
CookieEule schrieb am 08.03.2019:
Das ist ein guter Artikel, der mir neue Erkenntnisse gebracht hat. Vor allem der Absatz über Die Mär der konstruktiven Kritik war interessant zu lesen. Bisher habe ich Kritik und vor allem die "konstruktive" Kritik immer als negativ eingestuft. Das kommt daher, dass die meisten Leute unter dem Deckmantel der konstruktiven Kritik gut nörgeln und beanstanden können ... Verbesserungsvorschläge oder Tips sind eher nicht dabei ... "aber ich sage ja nur meine Meinung und das ist nicht kritisiert" sind dann die Rechtfertigungen - so jedenfalls meine Erfahrung dazu.

Du beschreibst so schön, wie Kritik an- bzw. vorzubringen ist. Das sehe ich auch so ... und das es eine Herausforderung ist, die rechten Wort zu benutzen und zwar so, dass der andere die Chance zum Verstehen hat. Ich gebe ungern Kritik - und wenn, dann nur persönlich und nicht öffentlich ... und nach der Bitte darum.

Wenn ich selbst kommentiere (meist Videos und Fotos), dann schreibe ich, was mir am besten gefallen hat und warum. Meine Meinung oder Verbesserungsvorschläge/Tipps gebe ich nur, wenn ich direkt danach gefragt werde oder dazu aufgefordert. Mir ist aufgefallen, dass ungefragte Ratschläge doch die wenigsten hören möchten.

Der Artikel ist super - sehr lehrreich ... den sollten sich viele Leute durchlesen.
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...auf meinem Blog. Hier schreibe ich über mein kreatives Schaffen, philosophiere über das Leben und rege mich gelegentlich auch über gesellschaftliche Zustände auf.
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