Rollenbilder in Fantasy Literatur
von Manuel Schmitt // 17.10.2018 12:00 // 33

Als ich vor vier Jahren begann, mir die Welt Alendia auszudenken, habe ich wenig auf Rollenbilder geachtet. Fantasy-Welten sind Konstrukte, die viel aus dem europäischen Mittelalter übernehmen, eine romantisierte Gesellschaftsstruktur, in der zum Beispiel die Verbundenheit mit der Natur vollkommen ist und moderne Probleme wie Umweltverschmutzung, Globalisierung, Industrialisierung sowie Technisierung keine Rolle spielen.

Hierarchien, die dank Aufklärung in der heutigen Gesellschaft (meist!) keine Rolle mehr spielen, werden gerne zelebriert, allerdings mit einer modernen Sicht auf Ungerechtigkeit zwischen den Ständen - der Adel wird stilisiert dargestellt und die Lösung ist allzu oft nicht die Zerstörung der Hierarchie, sondern das Ersetzen des bösen Machthabers mit einem fairen, guten König. Aragorn lässt grüßen.

Mittelalterliche Rollenbilder

Natürlich werden in diesen Fantasy-Welten, die ein mittelalterliches Weltbild erzählen, oftmals auch die damaligen Rollenbilder übernommen. Wer kennt nicht die stereotypen Zeichnungen von muskelbepackten Schwertschwingern und ihren zierlichen, spärlich bekleideten und stets wohlgeformten Begleiterinnen. Und es ist gar nicht so einfach, diese Stereotypen komplett abzulegen, wie ich während meiner Arbeit an Alendia feststellen musste.

Damit das klar ist: Mir geht es nicht um starke Frauenbilder (die ja inzwischen ein eigener netflix-Tag sind) - die findet man recht häufig im Fantasy-Bereich. Die Stärke der Frau ist jedoch meist auch Zentrum der Charakter-Entwicklung, und die Emanzipation wird damit selbst zur Geschichte. Es ist zwar schön, wenn man eine weibliche Hauptrolle beschreibt, die es schafft, sich erfolgreich gegen ein Patriarchat zu stellen, aber in diesen Fällen werden die Charaktere fast immer als Ausnahmeerscheinung gezeichnet.

Heavy Metal FAKK 2000

Nicht zuletzt passiert es häufig, dass weibliche Figuren einfach mit männlichen Attributen (Stärke, Waffenskill - Heavy Metal F.A.K.K., Lara Croft) ausgestattet werden, was wiederum eine überzogene Sexualisierung mit sich bringt, um das Weibliche der Figur herauszustellen. In meinen Augen ist das kein echtes starkes Frauenbild.

Patriarchat is King

Das Problem liegt vielmehr darin, dass Fantasy-Literatur trotz aller feministischer Strömungen der letzten Jahrezehnte weiter an einem Patriarchat festhält, welches sich inzwischen gerne mit einer extra angelegten starken Frauenrolle als modern präsentieren will. Klassische Rollenbilder sind scheinbar unabwendbar mit Fantasy-Literatur verknüpft.

Das Patriarchat in der Fantasy

Werfen wir einen kurzen Blick auf Harry Potter, geschrieben von einer Autorin, die sich in der Öffentlichkeit selbst als Feministin präsentiert: Der Protagonist ist männlich. Die einflussreichsten Bezugspersonen (seine Mutter einmal ausgenommen) sind männlich: Sirius Black, Remus Lupin, Dumbledore, Haggrid, und ja, sogar Dobby ist männlich.

Es gibt durchaus starke Frauen, doch meist sind diese einem Mann unterstellt oder, im Falle von Hermine, das Love-Interest. Minerva McGonagall ist von Anfang an Harry-begeistert und Dumbledore-hörig. Beatrix Lestrange und Dolores Umbridge sind beide mächtige Antagonisten, aber unterstehen Voldemort. Molly Weasley geht vollkommen in ihrer Mutterrolle auf und untersteht sozusagen ihrer Familie. Und wenn Frauen wie Molly am Ende gegen Lestrange kämpft, wird sie als die vorhin genannte Ausnahmeerscheinung inszeniert.

Dolores Umbridge

Solch typische Rollenbilder der Autorin vorzuwerfen, ist allerdings nicht ganz fair, denn die Leserschaft mag solche Rollenbilder - und wer sein Geld mit Schreiben verdienen will, der muss diese Leserschaft bedienen. Und selbst wer bewusst versucht, klassische Rollenbilder zu vermeiden wird feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Ich habe bei Alendia irgendwann feststellen müssen, dass ich genau in diese Falle getappt war, obwohl ich mit der ersten Legende Aus dem toten Land mit Yona ganz bewusst eine weibliche Protagonistin gewählt hatte, die sich gegen ein Patriarchat durchsetzt.

Sie ist eben eine dieser Ausnahmeerscheinungen. Im Laufe der Zeit habe ich viele Legenden gelesen und festgestellt, dass die überwältigende Mehrheit der Community auf männliche Protagonisten setzt. Obwohl die Mehrheit der Autoren weiblich ist! Ich selbst habe immer wieder in die Legenden eingegriffen, um eine rein männliche Besetzung zu vermeiden. In Geschwisterzauber habe ich Tassilo mit Yona ersetzt, und damit neben den zwei anderen männlichen Hauptcharakteren einen weiblichen hinzugefügt. In Die Zwerge aus dem tiefen Tal habe ich aus dem Anführer der Zwerge eine Anführerin gemacht und Talea als weiteren weiblichen Hauptcharakter eingeführt. In Rankenspiel habe ich den männlichen Hauptcharakter zu einer Nymphe umgeschrieben, in Überfahrt nach Tarand wurde der Kapitän zu einer Frau.

Während dem Lektorat an meiner letzten Legende ist mir das aufgefallen, was ich mit diesem Artikel vermitteln will. Die Tatsache, dass ein weiblicher Kapitän in der Geschichte auftaucht, war für den Lektor eine Anmerkung wert: Ungewöhnlich, im Mittelalter gab es soetwas nicht. Und er hatte natürlich vollkommen recht. Immerhin erzähle ich eine mittelalte Welt mit Fürsten, Leibeigenen und dem ganzen Rattenschwanz.

Das Aussergewöhnliche zur Norm werden lassen

Aber ich habe mich mit Rankenspiel ganz bewusst für folgende Richtlinie entschieden: Wo möglich werde ich eine Welt erzählen, in dem traditionelle Rollenbilder nicht mehr propagiert werden. Ich will eine Welt erschaffen, in der es eben keine Ausnahmeerscheinung ist, wenn Frauen Anführer oder Kapitäne und Männer schwach oder empathisch sind. Und ich meine damit nicht, dass ich darauf gucke, ob gleichviel Frauen wie Männer als starke Charaktere in meinen Geschichten vorkommen, sondern ich verändere die Gesellschaft, die ich erzähle: Die Gesellschaft in meinen Geschichten soll keine traditionellen Rollenbilder haben. Die Menschen zeigen also keine Reaktion bei untypischen Rollenbildern, weil diese für sie normal sind.

Eine gute Fantasy-Trilogie, die es meiner Meinung nach schafft, klassische Rollenbilder zu durchbrechen, ist His Dark Materials von Philip Pullmann. Hierzulande kennt man den ersten Band aus der etwas unglücklichen Verfilmung Der Goldene Kompass.

In Überfahrt nach Tarand stellt niemand fest, wie ungewöhnlich es sei, dass eine Frau Kapitän ist. Agnes Schwarzhand ist aufgrund ihrer herausragenden Führungsqualitäten zum Kapitän geworden und keiner findet das seltsam - weil in meiner Fantasy-Welt eben ein traditionelles Rollenbild (Kapitäne müssen Männer sein) nicht existiert.

Natürlich ist das nicht ganz einfach - der Leser darf aufgrund dieser fehlenden Rollenbilder nicht das Gefühl bekommen, dass die Welt unrealistisch oder unglaubwürdig sei. Mein Ziel ist es, eine Fantasy-Welt zu erschaffen, die ein Ideal umgesetzt hat, das uns noch fehlt: Rollenbilder eliminieren, ohne dabei die feinen charakterlichen Züge, die Frauen und Männer unterscheiden, aus den Augen zu verlieren.

Was haltet ihr von der Entscheidung? Fallen Euch Fantasy-Zyklen ein, bei denen Rollenbilder nicht stereotyp sind?

Kommentare
Sn
Sneezemeat schrieb am 24.09.2018:
Insgesamt muss ich dir da zustimmen. Es wäre schön wenn man nicht mehr drüber nachdenken würde, wenn wichtige Rollen und Protagonisten Frauen sind.
Im Falle von Harry Potter finde ich manche Vergleich etwas an den Haaren herbei gezogen. Mit den Argumenten könnte man auch behaupten Harry, Hagrid, Lupin, Dobby etc sind Dumbledore unterstellt. Oder Arthur Weasly ist dem Ministerium unterstellt. Ich glaube da findet man immer was. Ich finde z.b Molly ist sehr selbständig und ist (mehr oder weniger) niemanden unterstellt. Aber ich schätze Mal das ist Auslegungssache.
Sg
SgtRumpel antwortete am 24.09.2018:
Du hast natürlich recht - d7e Hierarchien gelten auch für die anderen. Es ging mir darum, dass am Ende, also in höchster Instanz, immer ein Mann, und keine Frau steht.
Gl
Glaceix antwortete am 24.09.2018:
Jein - wenn ich sage Molly untersteht ihrer Familie dann heißt das, es wäre auch völlig legitim zu sagen Snape untersteht Lilly.
Li
Lisa Bell antwortete am 30.09.2018:
Ich gebe Glaceix recht, dabei kenne ich die Harry-Potter-Reihe vermutlich schlechter als andere. Die Gründungsmitglieder in Hogwarts waren doch zwei Männer und zwei Frauen, da wurde sogar gezählt. Soweit ich das verstanden habe, überlebt McGonagall den Krieg und wird Schulleiterin.

Hermine ist ja viel, aber wenn, dann würde ich Ron zum Love-Interest degradieren. Besonders im Film verblödet sein Charakter zum Comic-Relief. In den Büchern ist das zentrale Trio vor allem erstmal das - ein Trio. Liebeleien spielen gemäß dem Alter der Figuren zunächst keine Rolle. Harry Potter und sein ganzes Universum halte ich für ein SEHR gelungenes Beispiel, Frauen stark zu verkörpern, ohne dabei die innere Logik der Welt auf den Kopf zu stellen.

In der Reihe "Fantastische Tierwesen" ist die oberste Person in der Hierachie der Zauberer und Hexen in Amerika eine Frau. Rowling vermeidet es auch, nur positive Frauen in die Welt zu setzen. LeStrange und Umbridge machen Voldemort als Unsympathinnen echte Konkurrenz, das nenne ich Gleichstellung der Figuren.
Ji
Jigelp antwortete am 29.10.2018:
Sehe ich ähnlich. Die Harry-Potter-Welt ist (abgesehen von der feinen Reinblütergesellschaft, die schlimmer als der Muggeladel ist) recht gleichberechtigt. Es gibt viele Lehrerinnen, auch Hauslehrerinnen, die Richterin ist eine Frau, Quidditchteams sind gemischt, mit Trelawney hat eine Frau die Prophezeiung gemacht. Gleichzeitig stimmt dein beobachteter Männerüberschuss rund um Harry aber durchaus auch.
Hagrid hat übrigens nur ein g und bei Bellatrix fehlen zwei l.
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Cr
CreaFea schrieb am 24.09.2018:
Ehrlich gesagt finde ich es zunehmend furchtbar, dass heutzutage alles angeglichen werden muss und es immer weniger um die zu erzählenden Geschichten geht. Im Vordergrund stehen nur noch Geschlechter(rollen) und politische Korrektheit. Das geht so weit, dass bestehende Figuren unbedingt verändert werden müssen: Die Ghostbusters müssen plötzlich Frauen sein, James Bond plötzlich schwarz. Argumentiert wird dann (im Falle von James Bond z.B.) mit "Es ist ja bloß ein Status!" - Nein, ist es nicht. James Bond ist ein Charakter. Er ist männlich und er ist weiß. Da, so finde ich, geht es dann zu weit. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich etwas gegen bestimmte Menschengruppen habe, sondern lediglich, dass ich auch weiterhin erfahren möchte, was dieser bestimmte Charakter erlebt. Ich bin interessiert an seiner Geschichte. Äußert man sich allerdings öffentlich kritisch dazu, so wird einem gleich Feindlichkeit gegenüber besagten Menschengruppen vorgeworfen und man findet sich in unnötigen Endlosdiskussionen wieder. Ich hatte mich erst kürzlich mit jemandem genau darüber unterhalten und wir beide stellten uns die Frage, was wohl passieren würde, wenn Vampirjäger Blade plötzlich weiß werden würde. Diesen Shitstorm könnte sich niemand ausdenken. Ich finde es wichtig, dass die Geschichten um diese Charaktere, die erzählt werden wollen, im Vordergrund stehen, vollkommen losgelöst vom aktuellen Weltbild. Natürlich haben manche auch eine Moral oder eine bestimmte Message, was auch gut ist. Die Geschichten drehen sich aber um Charaktere. Charaktere, die alle unterschiedlich sind und verschiedene Antriebe und Absichten haben. Sie haben Anderes erlebt, ihr Selbst wurde durch unterschiedliche Erfahrungen geformt, was sie zu dem macht, was sie letztendlich sind. Die psychologische Anatomie ist das interessante tragende Teil einer Geschichte, gepaart mit dem Umgang mit bestimmten Situationen. Und da kommt dann das erdachte gesellschaftliche Konstrukt zum Tragen. "Soetwas gab es im Mittelalter aber nicht!", "Soetwas wäre heute doch gar nicht möglich!" - Spielt das denn eine Rolle? Es ist Fiktion, eine völlig eigenständige Welt. Alles ist möglich. Nach dem Lesen einer Geschichte habe ich mir noch nie gedacht: "Oh, die war gut, ich hätte mir aber gewünscht, dass der Charakter xy gewesen wäre." Nein, es blieb eher im Kopf, wie Charaktere Entscheidungen getroffen oder umgesetzt haben. Wolfgang Hohlbein hat schon des öfteren weibliche starke Protagonisten erdacht. Geralt von Riva ist ursprünglich ein verunstalteter, unattraktiver Außenseiter. In der Literatur funktioniert das und es wird so geschrieben, wie es erzählt werden will. Kommt es dann zu Verfilmungen oder sonstigen visuellen Umsetzungen, so sind die Ursprünge plötzlich änderungsbedürftig, müssen dem Auge und dem aktuellen Gesellschaftsbild schmeicheln. Schade.
Gl
Glaceix antwortete am 24.09.2018:
Naja, James Bond IST aber nun mal "nur ein Status" wenn mans so nennen möchte, zumindest was die Filme angeht. Würde es sich bei James Bond immer nur um eine bestimmte Person handeln würd er ja wohl kaum dauernd anders aussehen, insbesondere nicht ohne eine vernünftige Erklärung einzubauen. James Bond ist ein bisschen wie der Doktor, nur dass im Falle von Bond eben weniger alien & Reinkarnation eine Rolle spielen als einfach die Weitergabe des Status. Zumal "James Bond" ja im Kontext eines Agentenfilms ohnehin ähnlich relevant für den Hauptcharakter an sich ist als würde er "giftiger Aal" heißen, es ist einfach nurn Agentenname. Gewisse Grundzüge müssen beibehalten werden wenn wir von jemandem sprechen der so einen Sonderstatus inne hat, aber da sprechen wir weniger von Hautfarbe etc als viel mehr von Qualifikationen als Agent.
Cr
CreaFea antwortete am 24.09.2018:
Da muss ich Dir entschieden widersprechen. James Bond IST eine Person (in der Literatur). Der Status ist lediglich "007". Auch der Name James Bond ist kein Deckname, das ist ja das Besondere an ihm, dem Charakter: Er verwendet niemals Decknamen. Nur in der Filmreihe ist es so, dass er das Aussehen ändert - Es ist nun mal nicht möglich, über Dekaden immer nur ein und denselben Schauspieler einzusetzen, da dieser ja altert und irgendwann diesen Charakter nicht mehr darstellen kann. In den Romanen ist und bleibt er DER EINE James Bond.
Sg
SgtRumpel antwortete am 24.09.2018:
Ich finde, man muss unterscheiden, ob ein Charakter schon existiert und etabliert ist (Ghostbusters, James Bond) oder ob er komplett neu erschaffen wird. Bei einer Neuerschaffung halte ich es schon für wichtig, eben diese Rollenbilder aufzubrechen, denn im Endeffekt sind die Geschichten, die wir erzählen, so fantastisch sie sein mögen, eine Reflektion unserer Gesellschaft und ihrer Ideologie. Und diese Geschichten können kommende Generationen prägen.

Bei etablierten Charakteren finde ich allerdings ein zwanghaftes Umändern tatsächlich auch oftmals etwas zu gewollt. Da steht natürlich auch der Wunsch dahinter, eine erfolgreiche Reihe fortsetzen zu können, ohne politisch inkorrekt zu sein. James Bonds Macho-Schellen kamen heutzutage nicht mehr so gut an :D
Cr
CreaFea antwortete am 24.09.2018:
Das sehe ich ähnlich, stimme aber nicht in allen Punkten zu. Ian Fleming, der Autor, der James Bond erschaffen hat, lebte ja auch zu einer Zeit, in der die Gesellschaft entsprechend geformt war. Dieses Bild ist natürlich in die Jahre gekommen. Die Filmemacher haben das aber geschickt und ungezwungen umgesetzt. James wurde ein Dinosaurier genannt, er legte auch keinen Wert mehr darauf, wie sein Drink zubereitet wird. M war zwischenzeitlich eine (starke ältere) Frau, Miss Moneypenny wurde hinter ihrem Schreibtisch vorgeholt und steht nun mit den Protagonisten vorn im Geschehen. Das alles mal beiseite, denke ich trotzdem, dass solche Rollen unabhängig, ob nun die Charaktere schon etabliert sind oder nicht, immer noch funktionieren. Ich sehe das ähnlich wie mit Videospielen: Es gibt Machos, es gibt Softies, es gibt Superhelden und es gibt Mörder, Macht, Sex, etc.. Man ist immer den damit verknüpften Geschichten interessiert, ganz gleich, ob es die Gesellschaft reflektiert oder nicht. Der Leser oder Zuschauer wünscht sich das, was er im realen Leben nicht haben kann oder haben will. Und eine Sensation wird die Menschen immer reizen.
Sg
SgtRumpel antwortete am 24.09.2018:
Naja, James hat schon eine Entwicklung durchgemacht, schon dadurch dass er immer in der Gegenwart spielt. Wenn man die Technik upgraded, kann man auch mal die Ideologie bzw das Verhalten des Charakters anpassen. Das Argument, dass der Char ja aus einer Zeit stammt, in der das nunmal so war, finde ich nicht legitim. Gleiches schreiben Leute auch immer über GTA oder Hitman. Als kreativer Kopf hast Du immer alle Möglichkeiten. Du kannst eine Geschichte im Mittelalter oder in einem bestimmten Milieu spielen lassen und dieses auch realistisch abbilden - mit allen Ungerechtigkeiten. Am Ende ist es eine Frage der Inszenierung, was für den Zuschauer an Werten vermittelt wird. Und genau darauf ziele ich ja ab. Wichtig ist die Haltung, die beim Schaffenden dahintersteht und die übermittelt wird.
Cr
CreaFea antwortete am 24.09.2018:
Das meinte ich ja damit, dass die Filmemacher es geschickt und ungezwungen umgesetzt haben. Erzählerisch eben, nachvollziehbar. Mr. Fleming kann sich nicht mehr dazu äußern, er ist schon lange Zeit tot, hätte den Veränderungen aber sicher zugestimmt. Das aber nur am Rande. - Ich werfe mal die Frage in den Raum, ob eine Geschichte heutzutage denn unbedingt immer realistisch und mit einer Haltung dahinter geschaffen werden muss? Nehmen wir mal Game Of Thrones als Beispiel (darin gibt es übrigens auch sehr viele starke Frauen(rollen)): Der Autor macht etwas mit beliebten Charakteren, das sich sonst kaum jemand traut: Er lässt sie sterben. Ob nun stark oder schwach, sterben müssen sie alle, ganz kompromisslos. Das bietet eine völlig andere Perspektive und versetzt den Leser (oder Zuschauer) in eine unangenehme Lage, denn er wurde seines Lieblingscharakters beraubt. Was mein Argument verstärkt, dass nicht unbedingt immer alles rational, nachvollziehbar und moralisch gut sein muss. Es funktioniert auch so. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass die Leser in Geschichten das haben wollen, was im realen Leben nicht existiert oder erlaubt ist. Sie leben ihre versteckten Vorlieben und Wünsche damit aus, genau wie mit Videospielen.
Sg
SgtRumpel antwortete am 25.09.2018:
Zu Deiner Frage: Da muss ich die Begriffe kurz nochmal klären: Realistisch muss eine Geschichte nicht sein (alles, was Superhelden oder Magie ist, ist ja nicht realistisch) - ich denke eher, Du meinst, dass sie in sich stimmig sein muss. Und davon bin ich schon überzeugt, denn eine Geschichte, die nicht stimmig ist, wird schnell kritisiert: Nicht nachvollziehbar, konstruiert. Das ist dann der typische Moment, in dem Charakter in einem Horror-Film auf die glorreiche Idee kommen, sich aufzuteilen :D
Zu dem zweiten Teil: Muss eine Haltung dahinter stehen? Da weiß ich, dass es da unterscheidliche Ansichten gibt - gerade von Leuten, die GTA5 oder ähnliches gerne konsumieren wird oftmals vehement gefordert, dass nicht alles moralisch korrekt sein muss etc. Ich denke aber, hier liegt ein Mißverständnis vor.
Ein Charakter kann unmoralisch handeln. Es können unmoralische Dinge erzählt werden. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Wichtig ist aber die Meta-Ebene, also die Haltung des Regisseurs, Schriftstellers, Spielemachers. Wer sich hier aus der Verantwortung stehlen will und sagt: Ich will das nur so darstellen, wie es eigentlich war, dann ist das scheinheilig. Denn dabei läuft man sehr stark Gefahr, etwas Unmoralisches zu glorifizieren - und damit gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Wir dürfen nie vergessen, dass Geschichten, Filme unsere Gesellschaft indirekt prägen.

Ich merke gerade, dass dieses Thema sehr viel umfangreicher ist - und das eventuell einen eigenen Artikel erfordert :D Dann kann ich das auch anhand von Beispielen besser untermauern und erklären!
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Re
Rebecca schrieb am 24.09.2018:
Hi Rumpel :),
Ich selbst bin eine riesige Fantasy liebhaberin ich verliere mich regelmäßig in Büchern oder Hörspielen die in der Fantasy Schiene laufen. Mir ist auch irgendwann mal aufgefallen das es fast immer männliche Hauptcharakter sind muss aber ganz ehrlich gestehen das es mich so gut wie garnicht stört.
In meiner lieblings Buchreihe "Das verlorene Königreich" von Sean Russell finde ich es aber sehr schön gelöst. Die Bücher haben mehrere sehr spannende Handlungsstränge in der bei einem auch eine Frau im Vordergrund steht am Ende spielen alle Handlungen zwar zusammen und der männliche Part wird zum Hauptcharakter aber das in einer sehr angenehmen Weise.
Was mir nur teilweise sehr schwer fällt grade bei weiblichen Hauptcharakter, ist das ich mich dort nicht so fallen lassen kann, ich würde das ja schon fast darauf zurück schieben das ich selbst nicht so wirklich mit anderen Frauen zurecht komme kann aber auch Einbildung sein :)
Schönene Abend und liebe Grüße
Rebecca
Sg
SgtRumpel antwortete am 24.09.2018:
Dann werde ich das verlorene Königreich mal suchen gehen :D
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Ma
Marasha schrieb am 24.09.2018:
Ich persönlich finde das ein wichtiges Thema, mir fällt das immer wieder mal negativ auf, insbesondere, wenn dir Geschichte nicht extrem fesselnd war. Es ist mit schon passiert, dass ich aus dem Kino rausspaziert bin und anstatt über die Handlung habe ich darüber nachgedacht, warum der Film nicht erwähnt hat, was denn nur den Frauen in dem Universum fürchterliches passiert ist, weil fast keine zu sehen waren. Und auch abgesehen von Geschlechtern - Geschichten mit möglichst unterschiedlichen Charakteren sind einfach spannender, weil jeder andere Fähigkeiten und Denkweisen hat und die Figuren so nicht Gefahr laufen austauschbar zu wirken.
Sg
SgtRumpel antwortete am 25.09.2018:
Unbedingt - mir ist es auf der anderen Seite schon passiert, dass ich inzwischen öfters Frauen als echte, interessante und nachvollziehbare Charaktere in einem Film erlebt habe und mich darüber gefreut habe. Denn tatsächlich kann ich als Schreiber einen weiblicher Charakter anders handeln lassen als vielleicht einen männlichen - was mehr kreative Möglichkeiten bedeutet.
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Ar
Arezzina schrieb am 25.09.2018:
Ich finde es super, machst du dir so viele Gedanken dazu. Auch ich lese öfters Fantasyliteratur und störe mich sehr daran, dass Frauenfiguren immer ähnlich sind. Entweder sind sie stark, gerissen & hübsch oder intelligent & hübsch. (Das ist jetzt sehr heruntergebrochen) Gerade bei Hauptfiguren wird die Frau äusserlich selten als normal beschrieben. Oft ist sie wunderschön und Männer werden schnell von ihr verzaubert.
Schade finde ich auch, dass wenn man sich als Frau für solche Thematiken interessiert und seine Mitmenschen darauf aufmerksam machen möchte, oft als Feministin oder Emanze abgestempelt wird. (Was zumindest in der Schweiz schon fast ein Schimpfwort oder ein despektierlicher Begriff sein kann) Irgenwie vermittelt so einem die Gesellschaft, dass man überreagiert und man sich doch nicht daran stören sollte...
Sg
SgtRumpel antwortete am 25.09.2018:
Deswegen als Feministin oder Emanze bezeichnet zu werden ist wirklich armselig. Ich glaube, eine solche Reaktion hängt oft damit zusammen, dass man etas kritisiert, mit dem die Leute emotional sehr stark verbunden sind. Deshalb will ich den anderen Weg gehen, und etwas schaffen, das eben als eine Alternative, nicht als Kritik angeboten wird.
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An
Anonym schrieb am 25.09.2018:
Ein sehr gut geschriebener Artikel, allerdings muss ich dir leider in Sachen Harry Potter widersprechen... Umbridge unterliegt nicht Voldemort sondern einfach dem Ministerium. Hermine wird erst später zum Love interest, sie ist eine mutige Hexe, die sogar ihre Eltern vergessen lässt, damit sie vor Voldemort sicher sind. Des Weiteren, wem unterliegt Luna Lovegood? Sie ist eine Hexe, die für sich selbst steht, da sie die Außenseiterin ist, einfach weil sie anders denkt. Auch würde ich sagen, dass Ginny Weasley nicht ihren Brüdern unterliegt, eher das Gegenteil. Sie hat aufgrund ihrer Brüder gelernt sich zu behaupten... Molly Weasley unterliegt nicht ihrer Familie. Ich wage sogar zu behaupten, dass sie das Oberhaupt der Familie ist, welche diese mit allem verteidigen würde.
Entschuldigung das Kommentar ist jetzt leider länger ausgefallen, aber weitere Beispiele sind Narzissa Malfoy, Cho Chang (bücher), Nymphadora Tonks, Fleur Delacour. In meinen Augen starke weibliche Figuren. Sonst ist der Artikel sehr gut geschrieben und hat einen wahren Kern!
Sg
SgtRumpel antwortete am 25.09.2018:
Ich bin natürlich nicht den kompletten Harry Potter Cast durchgegangen, das wäre zu aufwendig. Dass es hier und dort bestimmt starke weibliche Charaktere gibt, kann durchaus sein, aber man muss die Präsenz in der Saga einberechnen, die Screentime sozusagen. Narzissa, ChoChang, Tonks, Fleur, Rita und andere sind einfach im Vergleich wesentlich weniger präsent als die genannten männlichen Chars. Luna ist tatsächlich ein Sonderfall, das stimmt. Bei ihr habe ich gezögert, sie aufzulisten, da sie als eine Art esoterischer Nerd portraitiert wird - aber Du hast Recht, ich finde sie ist einer der interessantesten Charaktere und durchaus stark.
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Ju
Julia Vorkamp schrieb am 26.09.2018:
"Rollenbilder eliminieren, ohne dabei die feinen charakterlichen Züge, die Frauen und Männer unterscheiden, aus den Augen zu verlieren." Was genau meinst du damit konkret?
Ju
Julia Vorkamp antwortete am 26.09.2018:
Persönlich fand ich den besten fiktiven Film mit sehr sehr coolen "um die Ecke gedachten Frauenrollen" tatsächlich den letzten Star Wars. Teilweise auch, weil klassische "Haudrauf" Männerrollen ziemlich auf den Arm genommen wurden.
Sg
SgtRumpel antwortete am 26.09.2018:
Ich meine damit, dass das Geschlecht durchaus Einfluss haben kann auf die Art, wie ein Charakter zum Beispiel Konflikte löst oder auf andere Menschen reagiert. Frauen und Männer sind biologisch und psychologisch durchaus unterschiedlich - was eben nicht bedeutet, dass ALLE Frauen oder ALLE Männer in einer bestimmten Weise ticken, aber es gibt statistische Wahrscheinlichkeiten, die eine Charaktereigenschaft eher einer Frau oder einem Mann zusprechen. Wie gesagt, das sollte eben nicht Rollenbilder beeinflussen - denn ein Mann, der sich in einer statistischen Minderheit befindet und, sagen wir mal (um ein dummes Beispiel zu nennen) Blumen total toll findet, der sollte deshalb nicht als seltsam angesehen werden.
Ju
Julia antwortete am 27.09.2018:
Danke für deine Antwort. Ich glaube ein Junge, der Blumen mag (und es offen zeigt), bekommt ziemlich schnell durch negative Reaktionen aus seinem Umfeld zurückgemeldet, dass er seine Neigung nicht so offen zeigen sollte (was sehr schade ist!). Kinder sind erzkonservativ. Ich schreibe das, weil ich als Mädchen lieber auf Bäume geklettert bin und Lego gespielt habe. Mein Lego "wurde verschwunden" und ich bekam dermaßen Schelte, wenn meine stundenlang zurechtfrisierte Frisur zerzaust war, dass ich tatsächlich über Jahre hinweg meine Neigungen eingekerkert habe. Die Umwelt hat doch schon einen großen Einfluss. Das rein biologisch zu sehen halte ich für zu kurz gedacht. Übrigens bin ich durchaus der Meinung, dass Väter eine wichtige Rolle spielen, auch und insbesondere für Mädchen. Denn sie denken (Achtung hier habe ich Schubladen im Kopf ;)) durchaus weniger in gesellschaftlichen Konventionen.
Ju
Julia antwortete am 27.09.2018:
noch ein Zusatz, der nicht vorwurfsvoll klingen soll. Ich glaube um ein umfassendes Bild davon zu bekommen, welche Erwartungen an unterschiedliche Geschlechter gestellt werden, hilft es Erwartungen und Erfahrungen der Personen zu sammeln. Manchmal ist das sehr aufschlussreich. Wenn man nie erlebt hat, wie sehr z.B. Jungen auf "Starksein" getrimmt werden oder Mädchen auf ihr Aussehen dann ist es schwierig das nachzuvollziehen. Meine Erfahrung ist, dass z.B. die "weibliche"Art Konflikte zu lösen...für einige Männer zwar sehr diplomatisch aussieht, sie aber teilweise nicht mitbekommen, wie sehr die angebliche "Diplomatie" auf "Stimmungsmache" in einer Gruppe basiert. Viele Frauen sagen "man muss Frauen erstmal mögen um Feministin zu sein", das beruht durchaus auf der Einsicht, dass man in den "Gruppen" mitbekommen hat, welche Mechanismen da ausgepackt werden. Sagt man nicht auch in echten Patriarchalen Gesellschaften, die echte Politik wird in "Badeanstalten" gemacht, man gibt den Männern nur die Stellung nach außen hin so zu tun, als hätten sie die Hosen an? ;). ...und natürlich: das letzte Wort hat Mutti. Ich als Frau, kann das nicht leiden.
Sg
SgtRumpel antwortete am 27.09.2018:
"Das rein biologisch zu sehen halte ich für zu kurz gedacht." - Da hast Du mich falsch verstanden! Es geht mir ja gerade darum, dass ich mit meiner Richtlinie, die Rollenbilder von Geschlechtern nicht in meinen Geschichten vorlebe und damit zu einer Sozialisierung beitrage, die eben nicht schon vorher prägt, was weiblich und was männlich ist. Trotzdem gibt es bestimmte Eigenschaften, die eben statistisch gesehen eher mit Frauen oder Männern verbunden sind. Das vollkommen auszublenden halte ich auch für falsch - bzw für eine vergebene Chance in Sachen Charaktergestaltung.

Zu dem Zusatz: Macht ist immer etwas sehr Kompliziertes. Ein Öffentliches Amt wird von Menschen bekleidet, die evtl unter dem Machteinfluss einzelner anderer Personen stehen. Alles, was da an Verschwörung, Urban Legend oder Vermutungen angestellt wird, begeht fast immer den Fehler der Verallgemeinerung. Sprich: "das letzte Wort hat Mutti" mag in ein paar Fällen tatsächlich so sein, aber bei Weitem nicht bei allen :D
Ju
Julia antwortete am 28.09.2018:
ok, ok! :)
Nur so viel "Trotzdem gibt es bestimmte Eigenschaften, die eben statistisch gesehen eher mit Frauen oder Männern verbunden sind. " Diese Statistik muss nicht von der Biologie bestimmt sein, sondern kann erhebliche Anteile von gesellschaftlichen Konventionen enthalten. Ich denke Menschen sollten sich nach ihren Stärken entwickeln und nicht nach ihrem Geschlecht. Dieses "bipolare" ist viel langweiliger als die Facetten, die einige Menschen interessanter Weise aufbieten. So long ... :)
Sg
SgtRumpel antwortete am 28.09.2018:
Ah so. Ja, da stimme ich Dir vollkommen zu.
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Co
CookieEule schrieb am 29.09.2018:
Ein wirklich gut geschriebener Artikel. Bisher habe ich solche Charaktere eher "zur Kenntnis" genommen, was wohl daran liegt, dass man noch jünger war. Was mir und meinem Bruder allerdings schon immer aufgefallen ist: die spärliche Kleidung der Heldinnen (wie Du schon erwähnt hast). Wir fragten uns immer wie diese "Rüstung" im Kampf schützen sollte. Als Beispiele fallen mir gerade nur Xena und He-Man ein ... obwohl "Er" auch immer recht wenig anhatte. Naja, wir haben als Kinder so ziemlich alle Trickfilme und Co. gesuchtet (bin ein 80er Jahre-Kind).
Wie Du Alendia erschaffst gefällt mir gut. Auch wie die Charaktere sich entwickeln - alles glaubwürdig und nachvollziehbar. Mir ist schon positiv aufgefallen, dass es viele Heldinnen und Anführerinnen gibt. Ich war zunächst überrascht und gleichzeitig hat es mich gefreut. Da merkte ich, wie man doch in so einem allgemeinen Denkmuster hängt - weil man es aus Film und Fernsehen so kennt ... und manchmal leider nicht hinterfragt.
Am besten finde ich bisher die Zwergenhauptfrau. Sie ist schon zu Beginn stark und eine gute Führerin, zweifelt jedoch an sich selbst und am Ende wächst sie über sich hinaus - echt gut geschrieben und beschrieben.
Ich finde es super, dass Du Dir so viele Gedanken machst und uns daran teilhaben lässt.
Also dann weiterhin viel Freude am Schreiben, Diskutieren und Geschichten ausdenken.
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Li
Lisa Bell schrieb am 30.09.2018:
Prinzipiell ist dein Ansatz spannend, aber es ist eine Gradwanderung. Alendia ist eine Welt, in der, wie vor der Industrialisierung in unserer Welt, Kriege und auch kleinere Konflikte oft mit Muskelkraft gewonnen wurden. Da haben Frauen im Durchschnitt einen Nachteil, weil sie eben - im Durchschnitt - kleiner und weniger stark sind. Mit 1,55m in unserer Welt und zehn Jahren im Kampfsport kann ich sagen, es gibt Mittel und Wege, das größere Gegenüber auszutricksen. Aber die erste Regel der Verteidigung lautet, der beste Kampf ist der, den du nie körperlich geführt hast. Frauen in Machtpositionen in Feudalsystemen oder Ähnlichem sind weltweit eine historische Ausnahme. Dieses Faktum ist eben kein Zufall. Sind Frauen deshalb weniger wert? Sicher nicht! Sind sie im Gros anders? Ganz bestimmt ja! Aus diesen tatsächlichen Unterschieden, haben sich in der kulturellen Interaktion die Rollenbilder geformt. Wenn Alendia von Menschen und körperlich ähnlichen Spezies bevölkert wird, fügt der Leser dann automatisch sein angenommenes Verständnis ein, wie du so schön erklärt hast. Frauen sind also im Durchschnitt körperlich unterlegen.

In Game of Thrones, obwohl deutlich düsterer und mit körperlicher und auch sexueller Gewalt vielleicht überladen, wimmelt es für meine Begriffe nur so von starken Frauen. Die einen sind starke Mütter, die anderen gute Kämpfer, die nächsten unvergleichliche Intrigantinnen, die im Lügenspiel mithalten können. Sie nutzen ihre Fähigkeiten als Waffe, sei es nun ihr weiblicher Reiz oder ihr ungewöhnlich männlicher Körperbau. Ihre Fähigkeiten sind nachvollziebar, obwohl sie dem in der Welt üblichen Patriarchat widersprechen. Es sind Ausnahmen (die du ja vermeiden möchtest) oder Kriegerinnen mit den Waffen einer Frau - ihrem Körper und Mundwerk oder eben magischen Fähigkeiten.
Der Held/die Heldin in den meisten Abenteuergeschichten hat eine besondere Fähigkeit und ist eine Ausnahme in irgendeiner Art. Frauen in einer Welt, die nach dem Bauchgefühl ein Patriarchat haben müsste, dann ohne Erklärung als gleichrangig darzustellen, ist schwierig.

Ich habe in zwei Legenden eine Frau als Protagonistin. Ich nutze sie als Beispiel, nicht weil ich sie so toll finde, sondern weil ich da genau weiß, wie ich die Figuren aufgebaut habe.
Die eine ist eine verbitterte Oma am Stock, die eine matriarchale Position in ihrer sozialen Gemeinschaft einnimmt und die andere ist eine eher wenig sozial begabte Einzelgängerin, die lieber ihre Zeit mit Tieren verbringt als mit Menschen. Eine ist magisch begabt, betrachtet es aber nicht als etwas Gutes. Es ist einfach da und es kann sie schlussendlich auch nicht retten. Beide sind keine Schönheiten, beide sind kein Love-Interests. Beide zeichnen sich auch nicht durch klassisch männliche Attribute aus. Insofern, glaube ich, können sie dem von dir vorgeschlagenen Rollenbild entsprechen, das in erster Linie nicht auf Klischees basiert und Ebenbürtigkeit ausstrahlt. Es sind aber beide keine Hauptcharaktere aus deinem Ensemble und können es nach meinem Geschichtenverlauf auch nicht werden, weil sie zu einem hohem Maß auserzählt sind. Beide sind auch keine typischen Identifikationfiguren für Leser oder Leserinnen.

Eine Frau in einer mittelalterlichen Welt als Hauptfigur zu positionieren, sie in Machtpositionen unterbringen und keine Erklärung dafür liefern? Schwierig, das für eine Hauptfigur glaubhaft zu begründen. Der Bogen für Talea oder Katniss scheint ein guter Mittelweg, weil er neben Kraft auch Genauigkeit verlangt. Tauriel (Hobbit, wenn auch eine sonst überaus mäßige Figur) und Susann aus den Narnia-Filmen haben auch einen Bogen bekommen, genau wie Lara Croft. Frauen in anderen Waffengattungen gewinnen zu lassen, die ohne Schießpulver und Magie auskommen, halte ich für schwierig. Sind dann Frauen immer durch Intelligenz an ihre Position gekommen, macht das die männlichen Figuren um sie herum oft unabsichtlich dumm. Es ist wirklich eine besondere Herausforderung...

Ich glaube, dass neben Talea und Yona, die beide jung sind, vielleicht noch eine dritte weibliche Person Sinn macht, die aber etwas älter ist. Tassilo ist in seiner Altergruppe doch reichlich einsam.

Ich bin gespannt, wie du das weiter umsetzt.
Sg
SgtRumpel antwortete am 04.10.2018:
Du gehst also prinzipiell mit einer realistischen Grundstruktur an die Welt Alendia heran. Muskelkraft im Mittelalter war bestimmt ein wichtiger Vorteil von Männern gegenüber Frauen. Daraus schließt Du, dass eine Welt wie Alendia, die im einer mittelalter-ähnlichen Welt spielt in Bezug auf die Geschlechterhierarchie auch so gebaut werden soll, da Dir sonst die auch im Artikel erwähnte Glaubwürdigkeit verloren geht.

Aber warum eigentlich? Warum kann man magische Energieströme aus einem Mond, übernatürliche Fähigkeiten und kleinere Anachronismen akzeptieren, nicht aber eine gesellschaftliche Umstrukturierung zwischen den Geschlechtern? Warum wird es unglaubwürdig, wenn man eine Welt erzählt, in denen nicht ein Geschlecht das andere unterdrückt?

Tatsächlich spielte sie Muskelkraft auch im Mittelalter nicht mehr die tragende Rolle. Viel mehr Einfluss auf die Unterdrückung der Frau hatten gesellschaftliche Normen und Gesetze, wie sie zum Beispiel von der Kirche aufgestellt wurden. Vergewaltigung, Nötigung, körperliche Misshandlung waren auch im Mittelalter Verbrechen. Viel wichtiger als die Muskelkraft eines Einzelnen war die Zugehörigkeit zu einer stärkeren Gemeinschaft.

Denken wir uns also mal die Kirche und die damit einhergehenden Konsequenzen weg und verlassen ein etwas stilisiertes Fantasy-Mittelalter, in dem reine Muskelkraft von Helden ganze Gesellschaften verändern kann, dann ist man gar nicht mehr so weit von Alendia entfernt. In heidnischen skandinavischen Gemeinschaften zum Beispiel hatte die Frau eine wesentlich stärkere Stellung inne, als im zentraleuropäischen (oftmals christlichen) Gebieten.

Ich finde also eine Fantasy-Welt durchaus machbar, die technologisch im Mittelalter angesetzt ist, aber durchaus progressivere gesellschaftliche Strukturen aufweisen kann (in der Muskelkraft nicht mehr automatisch an die Spitze der Hierarchie führt) - es ist allerdings nicht das, was man gemeinhin als Fantasy kennt, das gebe ich zu.

Und ja, Du hast recht in Bezug auf den Konterpart zu Tassilo :D Das sollte vielleicht ein Ziel für Staffel zwei sein :)
Li
Lisa Bell antwortete am 06.10.2018:
Die Germanenstämme hatten zwar bei Tings, keinen Plan wie man das schreibt, ich meine diese Versammlungen, als freie Mitglieder des "Stammes" Stimmrecht. Frauen zogen, glaube ich, auch Mal mit in den Krieg, war aber trotzdem irgendwie alles patriarchal. Die einzige Fiktion, an die ich mich erinnern kann, wo alle eine weibliche Gottheit anbeten, ist der 13te Krieger. Die Feinde hatten da eine "Mutter". Wirkliche Gleichberechtigung gab es, so weit ich weiß, nie. Es ist müßig, da das historische Vorbild zu suchen, genau wie du sagst.

Aber ich denke, Fantasy/Phantastik bedient sich eben oft bei historischen Vorbildern oder lässt sich von diesen inspirieren. Wenn man dann etwas fundamental anders macht, kann das funktionieren, es ist aber schwer, weil viele halt intuitiv was anderes erwarten. Aber wer nix wagt, hat schon verloren.
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...auf meinem Blog. Hier schreibe ich über mein kreatives Schaffen, philosophiere über das Leben und rege mich gelegentlich auch über gesellschaftliche Zustände auf.
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