Kreative Berufe: Kameramann/frau
von Manuel Schmitt // 03.02.2019 15:07 // 5

Die Kamera ist das zentrale Element im Bereich Film. Sie muss im richtigen Moment in die richtige Richtung gehalten werden, um die flüchtigen Momente zwischen Schauspielern für ewig festzuhalten. Ich spreche mit Kameramann Ansgar Krajewski über seine spannende Arbeit beim Film.

Ansgar Krajewski

Ansgar Krajewski bei der Arbeit.

Ansgar Krajewski wurde 1971 geboren und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Köln. Er machte eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitet seit 2001 als Kameramann. Ich habe ihn während meinem Studium kennengelernt, als er unter anderem in meinem Film Fortbildung 11 die Kamera gemacht hat. Inzwischen ist er ein vielgefragter Kamermann und in aller Welt unterwegs.

Ansgar Krajewski auf Crew United

Manuel Schmitt: Wie bist Du zum Film gekommen?

Ansgar Krajewski: Durch meinen familiären Hintergrund mit einer Mutter, die Maskenbilderin am Theater war und meinem Vater, der als Fotograf und Grafiker gearbeitet hat. Dadurch war die Fotografie, und im Speziellen die Schwarz-Weiß Fotografie, immer präsent. Ich habe irgendwann eine eigene Kamera bekommen und ein kleines Labor mit einem Freund eingerichtet.

Eine Fotokamera, keine Filmkamera?

Genau! Ich habe mich dann auch entschlossen, eine Fotografenausbildung zu machen. Gegen Ende dieser Ausbildung wuchs aber mein Interesse am Film – das hatte mit meinem Umfeld zu tun, und auch damit, dass es tolle Kinos in Köln gab. Wie es der Zufall wollte, lernte ich einen Fotografen kennen, der hin und wieder als Kameramann beim Film arbeitete und der mich mal ans Set mitnahm. Seitdem war die Faszination so groß, dass ich da hin wollte. Technisch war ich mit der Kamera vertraut. Geschichten mit einer bewegten Kamera zu erzählen – und der damit zusammenhängende kreative Prozess – fand ich unglaublich interessant. Der Fotograf gab mir damals einige Tipps, wie man als Autodidakt arbeiten kann – Filmschulen gab es damals nicht in Köln, lediglich eine in Berlin. Da habe ich mich auch beworben, bin aber nicht genommen worden und habe dann den Weg als Autodidakt einschlagen müssen.

Wie war denn dann Dein Werdegang zum Kameramann? Man fängt ja nicht direkt als Kameraoperator an, sondern Du musstest mehrere Etappen durchlaufen...

Ja, das stimmt. Ich habe ein einjähriges Praktikum bei einem Filmgeräteverleih gemacht, bei dem ich all die Technik kennenlernen konnte, hab währenddessen fleißig Kontakte geknüpft, weil die Profis natürlich in diesem Verleih ein- und ausgingen. Ich bin nach meinem Praktikum bei zwei Filmen als Video-Operator dabei gewesen, dann war ich kurz Material-Assistent und schließlich Kamera-Assistent. Normalerweise wäre das ein Jahr Praktikum im Verleih, ein Jahr als Video-OP, zwei bis vier Jahre als Material-Assistent, um dann endlich Kameraassistent werden zu können. Das ging bei mir aufgrund meiner Erfahrung aus der Fotografie etwas schneller. Als Kamera-Assistent erarbeitet man sich ein Vertrauensverhältnis mit den Kameraleuten, um dann die Verantwortung für die zweite Kamera übernehmen zu dürfen, bis man schließlich auch mal eigenständig als Kameramann arbeiten kann.

Wie lange hat es denn dann bei Dir gedauert, bis Du Deinen ersten eigenen Film drehen konntest? Also kein unbezahltes Studentenprojekt, sondern einen gut bezahlten Film?

Also als DOP [Director of Photography], als lichtsetzender Kameramann habe ich schon 2005 gearbeitet, das war recht früh, etwa fünf Jahre nach meinem Einstieg ins Filmgeschäft. Ich habe aber weiterhin auch als Assistent gearbeitet, weil ich im Serienbereich beschäftigt war – der Film hat ja viele Sparten wie Comedy, Werbung, Musikvideo, Fernsehspiel, Kinofilm, Arthaus. Es war für mich wichtig, im Laufe der Zeit auch aufwändigere, anspruchsvolle Projekte kennenzulernen, also habe ich in anderen Bereichen – wieder als Assistent – Erfahrungen gesammelt. Dadurch bin ich in die Sparte Kino gekommen, wo ich viel als B-Kameramann, d.h. nicht lichtsetzender Kameramann gearbeitet habe. Größere Hollywood Filme zum Beispiel werden dauerhaft mit 2 Kameras gedreht.

KURZ GEFRAGT

Wieviel verdient man im Schnitt als Kameramann? Das wird ausgehandelt und hängt vom Budget ab. Pro Tag im deutschen Spielfilm ungefähr 600 bis 1000 € Brutto.

Studentenfilm oder Hollywood-Blockbuster? Beides hat seinen Reiz. Finanziell gesehen immer Hollywood. Aber Geld ist nicht immer ausschlaggebend.

Was sind Dinge, die Dein Beruf erfordert, die Du aber nicht magst? Ich mag es nicht, wenn die Produktion Probleme aussitzt, anstatt zu kommunizieren.

Woran arbeitest Du gerade? Die Duisburger Mafiamorde! 2007 wurden in Deutschland Mafiosi umgelegt - diese wahre Begebenheit wird gerade von ZDF und Arte als Spielfilm umgesetzt.

Mit welcher Kamera arbeitest Du besonders gerne? Mit den Kameras von Arriflex, insbesondere mit der ArriMini. Was Farbdarstellung und Zuverlässigkeit angeht, sind Arriflex meiner Ansicht nach die besten.

Fotografierst Du noch privat? Zuwenig Zeit, leider. Aber es ist möglich, dass ich das wieder aufnehme.

Gehen wir nochmal zurück zu den Filmschulen. Du sagst, Du hättest ganz gerne an einer solchen Schule studiert. Rückblickend auch, oder bist Du heute ganz zufrieden mit dem Weg, den Du gegangen bist?

In der Summe bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich getan habe. Weil ich die Ziele, die ich mir gesetzt hatte, auch erreicht habe. Ich durfte als Assistent mit Leuten zusammenarbeiten – anderen Kameramännern und -frauen – mit denen eine Zusammenarbeit als studierter Kameramann eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Als Familienvater war ich aus einer wirtschaftlichen Sicht auch nicht mehr so frei, dass ich ohne weiteres ein Studium hätte finanzieren können. Der große Vorteil einer Filmschule ist das Netzwerk, dass sie bietet und die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Trotzdem ist die Erfahrung am Set unersetzbar. Ich würde es heute genauso machen.

Siehst Du denn Unterschiede zwischen jemanden, der studiert hat, und jemandem wie Dir, der aus der Praxis kommt?

Das ist schwer zu beantworten. Was macht einen guten Kameramann aus? Film ist Teamarbeit, das bedeutet auch, das man flexibel sein muss. Persönlichkeit, also wie jemand mit Menschen umgeht, ist schon die halbe Miete. Als Kameramann ist man in einer Führungsposition und muss mit den Menschen, die einen umgeben, umgehen können. Für eine solche Arbeit ist Persönlichkeit und Erfahrung sehr wichtig. Das erfordert menschliche Reife, man muss sein Ego auch zurückstellen können.

Was findest Du reizvoll an der Arbeit als Kameramann?

Das Erzählen von Geschichten mit Licht und Bild. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gewerken. Zu sehen, wie etwas entsteht. Der gesamte Prozess, all die Vorstellungen und Überlegungen, wie man etwas machen könnte, bis zu dem Tag, an dem man es dann endlich macht. Das hat mich nie gelangweilt und macht mir immer große Freude. Ich gehe immer gerne zur Arbeit

Ansgar Krajewski

Das ist ein ganz gutes Stichwort! Wie sieht der Arbeitsalltag eines Kameramanns aus?

Ein Drehtag ist im Endeffekt das Abarbeiten dessen, was man davor geplant hat. Es können natürlich andere Gewalten in den Drehplan eingreifen – das Wetter kann schlecht sein, ein Motiv, das nicht mehr so benutzbar ist, wie gedacht oder andere Widrigkeiten. Damit muss man dann umgehen. Ein Drehtag besteht aus mindestens zehn Stunden, manchmal zwölf oder auch 14. Morgens bespricht man den Tag mit Regie, Kamera, Aufnahmeleitung. Danach wird aufgebaut, die Szenen geprobt und schließlich gedreht. Bei der Auswahl der Szenen spielen natürlich Wetter, Licht und Tageszeit eine große Rolle. Es wird eben so lange gedreht, bis man alles im Kasten hat.

Gibt es eine Mittagspause?

Am Set. Aus Zeitgründen wird eigentlich immer ein Catering am Set aufgebaut, damit nicht alle in irgendwelche Restaurants verschwinden. Wenn 100 Reiter gefilmt werden, dann haben die allein schon vier, fünf Stunden Vorlauf. Solche Tage sind enorm lang und auch schwer vorauszusagen.

Wie gehst Du mit Stress am Set um? Wenn das Licht weggeht oder Drehtage extrem lange dauern?

Es ist wichtig zu verstehen, dass man bestimme Dinge nicht ändern kann, sondern dass man konstruktiv an das Problem herangehen muss. Ist das Budget stark genug und der Produzent überzeugt, dann kann man den Dreh vielleicht verschieben. Wenn nicht, muss man andere Lösungen finden. Stress ist relativ, als Kameramann muss man so vorbereitet bzw. flexibel sein, dass man solche Widrigkeiten abfangen kann. Das ist eine Frage der Erfahrung, solche Probleme wiederholen sich auch und man erlangt eine gewisse Gelassenheit.

Wenn Du über mehrere Wochen an einem Film arbeitest, der vielleicht nicht einmal in Deutschland gedreht wird, wie bekommst Du da Deine Familie mit zwei Kindern und Deine Arbeit unter einen Hut?

Man braucht eine verständnisvolle Familie. Meine Kinder sind groß geworden mit der unregelmäßigen Anwesenheit ihres Papas. Ich habe aber auch die Möglichkeit, mir – dank des höheren Verdienstes – nach einem langen Projekt eine ausgedehnte Auszeit zu gönnen und das ein wenig zu kompensieren.

Zurück zu Deiner Arbeit. Die Technik entwickelt sich gerade im Medienbereich ständig weiter. Musst Du da mithalten, immer auf dem neuesten Stand sein und ist das anstrengend?

Nein, im Gegenteil, ich finde das sehr interessant. Allerdings muss man sagen, dass die Geräte, die bei Kino oder TV-Filmen eingesetzt werden, sich nicht so schnell verändern, wie im Consumer-Markt. Es gibt schon immer wieder neue Kameras, aber die unterscheiden sich nicht so stark voneinander.

Wie viel Freiheit hast Du als Kameramann und wie sieht die Zusammenarbeit mit einem Regisseur aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Regisseure, die haben eine sehr genaue visuelle Vorstellung. Dann gibt es welche, die überlassen das komplett dem Kameramann. Es gibt auch da natürlich eine gemeinsame Vorbereitung. Es gibt auch Produzenten, die schon über den Regisseur mit einer eigenen visuellen Vorstellung kommen.

Sind Dir denn Regisseure lieber, die Dir freie Hand lassen oder solche, die mit einer Vorstellung ans Set kommen?

Ich finde beides interessant. Eine Zusammenarbeit läuft am Ende immer darauf hinaus, dass nicht nur einer entscheidet, sondern es ist ein Findungsprozess am Drehort. Wenn man die Räumlichkeiten und die Schauspieler physisch erlebt, ergibt sich vielleicht auch nochmal etwas Neues.

Ansgar Krajewski

Gab es für Dich als Kameramann Momente, die Dich besonders beeindruckt haben?

Vor fünf Jahren habe ich einen Spielfilm in Vietnam gedreht. Am dritten Drehtag waren wir in einer riesiger Halle, in der die Asiaten ihre preiswerte Kleidung verkaufen, eine Art Bazar. 100 Meter lang, fünfzig Meter breit, vollgepfercht mit Plagiatsprodukten. Es gab einen Mittelgang und wir wollten gerade dort eine Szene drehen, in der Mitte der Halle. Während ich die Kamera aufstelle hörte ich von rechts Geschrei und Motorengeräusche. Einen Augenblick später sehe ich, wie zwei Vietnamesen auf einer alten Vespa – einer fuhr und der andere saß hinten drauf, mit einer Knarre im Anschlag – durch diese Halle brettern, gefolgt von einem Polizisten, ebenfalls auf einem Moped.

Geil!

Da habe ich mir kurz in die Hose gemacht. Und hinter einem Reissack in Deckung geworfen.

(lacht)

Und dann war ich einmal für eine Kölner Firma unterwegs, Action Concept hieß die. Ich war im Stunt-Unit und da sollte ein Wagen über eine Rampe fliegen, sich mehrmals überschlagen, aufkommen und explodieren. Die Position der Kameras wurde von den Stunt-Coordinatoren bestimmt. Der Wagen fuhr los, hob ab und flog und flog. Im letzten Moment zog mich der Stuntmitarbeiter weg. Ich hatte mich so auf den Schuss konzentriert, dass ich nicht gesehen habe, dass der Wagen genau auf mich zuhielt. Ich hätte das nicht überlebt. Der Wagen hat das Stativ erfasst, das war wirklich knapp.

Crazy. Sicherheit am Arbeitsplatz! Zu was anderem: Wie ist eigentlich das Verhältnis von Kameramännern zu Kamerafrauen. Hat sich da was geändert in den letzten Jahren?

Ja, sehr sogar, was ich auch befürworte. Generell kann man sagen, dass Film jahrelang eine Männerdomäne war. Heute ist das in allen Gewerken anders. Ich finde es gut! Frauen haben da manchmal Qualitäten, die Männer so nicht haben. Und es gibt eine soziale Komponente, ich finde es angenehm, wenn Männer und Frauen nebeneinander und miteinander arbeiten können.

Wie kommst Du an neue Jobs, was tust Du im Bereich Eigenwerbung?

Ich habe mir über die Jahre ein großes Netzwerk an Produktionsfirmen aufgebaut. Man muss sich natürlich auch immer mal wieder in Erinnerung bringen, Kontaktpflege auf kleinen Treffen, Weihnachtsfeiern, Firmenfeste und Ähnlichem. Ich würde sagen, etwa 75% kommt von alleine, aufgrund meiner langjährigen Berufserfahrung. Der Rest ist aktive Bewerbung, Vorstellung meiner Person und meiner Arbeit.

Eleanor and Colette Film

Nenn mir einen deiner Filme, auf den Du besonders stolz bist, und erzähl mir, warum!

Besonders stolz bin ich auf einen Film mit dem Titel Eleanor und Colette, eine amerikanische Produktion mit Hilary Swank und Helena Bonham Carter. Das Buch hat mir schon sehr gut gefallen, aber auch die schauspielerische Leistung in Verbindung eben mit unserer Kameraarbeit hat mich irgendwie berührt. Das war kein Actionfilm, und auch technisch, in Bezug auf Lichtsetzung, nicht besonders herausfordernd. Im Gegenteil, wir haben sehr bewusst rudimentär und pur gearbeitet. Und gerade dadurch konnten wir eine emotionale Nähe generieren, die mir sehr gut gefallen hat. ←

Bist Du an anderen kreativen Berufen interessiert? Hier findest Du eine Liste aller Interviews, die ich bisher geführt habe!

Kommentare
Je
Jerina Lande schrieb am 31.01.2019:
Sehr interessantes und aufschlussreiches Interview! Ich habe vor einigen Jahren mit einem Kameramann zusammengelebt und habe mehrere Parallelen zwischen seinem Werdegang und dem von Ansgar Krajewski festgestellt. Jemand in meinem Bekanntenkreis hat den Wunsch, Kameramann zu werden und da finde ich diese Rubrik sehr geeignet, einfach um überhaupt mal einen gewissen Einblick zu erlangen in die Arbeit und den (manchmal recht langen) Weg zum eigentlichen Job. Ich finde, gerade was kreative Berufe betrifft, sind Leidenschaft, Ambition und eine Vision wichtige Eigenschaften, um einem das Durchhaltevermögen zu geben, das es braucht, um sein Ziel zu erreichen. Wie es hier wunderbar beschrieben ist, muss man oft mehrere Etappen durchlaufen, um den eigentlichen Berufswunsch verwirklichen zu können. Auf jeden Fall ein sehr gelungenes Interview. Thumbs up! ;-)
Sg
SgtRumpel antwortete am 31.01.2019:
Vielen Dank! :) Und genau dafür sind diese Interviews auch gedacht: Für Leute, die sich über einen Beruf informieren wollen, oder sich vorstellen können, ihn auszuüben, aber noch keine Vorstellung haben, wie ein Arbeitsalltag tatsächlich aussieht. Deshalb versuche ich immer genau diese Dinge abzufragen :)
Je
Jerina Lande antwortete am 31.01.2019:
Ich finde, das gelingt dir auch ganz gut, da im Laufe deiner Interviews immer beide Seiten- gute sowie schlechte- beleuchtet werden. Das sorgt für eine Neutralität, die ich bei anderen Infoseiten bzw. Interviews oft vermisse.
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Sn
Sneezemeat schrieb am 02.02.2019:
Wieder ein richtig interessantes Interview. Tatsächlich haben mich genau die Fragen interessiert, die du auch gestellt hatte :D Danke dafür!
Sg
SgtRumpel antwortete am 02.02.2019:
Freut mich, das zu lesen! :)
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