Seit einigen Jahren nehmen wir dank Nachrichten und Sozialen Medien kollektiv an lokalen Unglücken teil. Sei es ein weiteres Mass-Shooting, Terroranschläge oder wie zuletzt der Zusammensturz einer Autobahnbrücke in Genua. Unglücke funktionieren gut in den Nachrichten und garantieren Aufmerksamkeit und Klicks. Dieses Prinzip des Abschöpfens von Klicks lässt sich weiter verfolgen auf eine - wie ich finde - besonders scheinheilige Art, solche Unglücke für sich selbst zu verwerten.
Was uns ein Tweet verrät...
Sprache ist ein heikles, anspruchsvolles und manchmal tückisches Werkzeug. Präzise seine Gedanken zu formulieren ist schwerer als man denkt, denn schnell können sich Fehler und Stilblüten einschleichen, die eine Aussage verwässern, verändern oder im schlimmsten Fall ins Gegenteil verkehren können. Auf den sozialen Medien wird diese Kunst, sich messerscharf in wenigen Worten mitzuteilen, belohnt. Im Gegenzug können falsche Formulierungen schnell zu starkem Gegenwind führen. Trotzdem ist die Versuchung, sich mit einem eigenen Tweet zu einem Trending-Thema zu äußern für viele anscheinend unwiderstehlich.
Der Mechanismus, den ich auch in einem anderen Artikel besprochen habe, ist folgender: Ein Thema, das schon Aufmerksamkeit hat, garantiert erhöhte Aufmerksamkeit für einen eigenen Tweet, welche sich wiederrum in eine größere Reichweite des eigenen Kanals übersetzen lässt. Wer es schafft, zu einem viel besprochenen Topic einen Tweet abzusetzen, der in irgendeiner Form heraussticht - weil er witzig ist, weil er provoziert, weil er Menschlichkeit zeigt - der generiert Reichweite und etabliert gleichzeitig seine eigene Marke. Es gibt Kanäle, die nur über dieses Prinzip funktionieren - was auch vollkommen legitim ist.
Schwierig finde ich es allerdings, wenn die eingangs erwähnten Unglücke für diese Reichweiten-Vermehrung benutzt werden. Es sind diese Tweets, die mit "In Gedanken sind wir bei den Angehörigen der Opfer" beginnen. Tweets, die trotz der angeblichen Bestürzung und Fassungslosigkeit nicht vergessen, die wichtigen Hashtags einzufügen. Von Leuten, die ein paar Minuten später schon wieder über belanglosen Blödsinn twittern und anscheinend alle Bestürzung und Fassungslosigkeit vergessen haben.
Im Englischen lautet der Satz "My thoughts and prayers go to the people, that..." und ebenso wie im Deutschen finde ich die Formulierung so nichtssagend, so auswechselbar, so wirkungslos. Als ob Gedanken und Gebete etwas an der Situation verändern könnten, als ob das Leid der Opfer dadurch gemildert werden könnte. Ich war glücklicherweise noch nie direkt von einem Terroranschlag betroffen, aber ich kann mir vorstellen, dass mir nach zwanzig"Ich bin in Gedanken bei den Opfern"-Tweets von mir Unbekannten die Anteilnahme auch nicht mehr über meine Trauer helfen kann.
hinter der Fassade
Augenscheinlich wird dabei Position bezogen, es werden Werte verteidigt und Zeichen gesetzt, für die Menschlichkeit, das Mitgefühl und Unterstützung in schweren Zeiten. Und ich kann mir nicht helfen, aber jedesmal, wenn ich einen solchen Tweet lese, wird mir schlecht. Denn warum zur Hölle glaubt man helfen zu können, indem man konstatiert, dass man in Gedanken bei den Opfern und den Angehörigen ist? Noch absurder wird es, wenn man sich mal anguckt, wieviele Menschen diese Tweets nicht einmal in der Landessprache der Opfer verfassen. Für wen werden diese Menschlichkeits-Bekundungen abgesendet?
Meiner Meinung nach geht es oftmals (zugegebenermaßen nicht immer) darum, sich als Teil einer moralisch und ethisch einwandfreien Gruppe darzustellen. Das Ansehen in der Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen. Man gehört zu denen, die terroristische Aktionen verurteilen und der Liebe Vorzug vor dem Hass geben. Und das funktioniert - jemandem nachzuweisen, dass er den Tweet zur Reichweitenvermehrung gepostet hat, ist so gut wie unmöglich.
In Amerika hat der Journalist @igorvolsky einen interessanten Faktencheck erarbeitet, der die "Thoughts and Prayers"-Tweets von Politikern mit ihrem tatsächlichen politischen Wirken vergleicht.
der Zwang, sich mitzuteilen
Ein weiterer Grund für solche Tweets ist bestimmt der immanente Drang, sich mitzuteilen. Wer auf den sozialen Medien erfolgreich sein möchte, muss diese viel und regelmäßig bespielen. Ich selbst gehöre nicht zu denen, die so aktiv sind, weil ich nicht das Gefühl habe, ständig etwas Relevantes zu sagen zu haben. Wer mehrmals am Tag Tweets und Posts absetzt, der liegt schnell auf dem Trockenen und sucht händeringend nach Content. Da kann es schnell passieren, dass man im passenden Moment zum Smartphone greift und mit geübten Daumen Ich bin in Gedanken bei... eintippt, nur um die Opfer im nächsten Moment schon wieder vergessen zu haben, da sie ja nicht wirklich im eigenen Leben relevant sind.
Es mag durchaus sein, dass Verfasser dieser Tweets tatsächlich das Mitgefühl, die Bestürzung und die Fassungslosigkeit empfinden. Aber dass diese Gefühle in einem Social Media Post enden, der fein säuberlich mit Hashtags versehen ist, halte ich für fragwürdig.
Was wäre, wenn...
...all die bestürzten Influenzer, Politiker und Medienmacher einen Moment innehalten würden, bevor sie über ein Unglück tweeten und sich ehrlich fragen würden, ob und warum gerade sie dazu ein Statement absetzen müssen (denn es gibt durchaus Ämter, von denen ein Tweet zu solchen Ereignissen erwartet wird).
Ein Unglück oder eine terroristische Tat wird auch ohne den Tweet eine furchtbares Ereignis bleiben, die Toten werden auch ohne Facebook-Post von ihren Familien betrauert werden. Nur wer direkt betroffen ist, wer wirklich etwas zu sagen hat, dessen Amt es erfordert oder dessen Statements reale Auswirkungen auf die Situation haben, sollten sich meiner Meinung nach dazu äußern. Alle anderen einfach mal den Daumen ruhig halten.
Denn wenn wir zulassen, dass unter dem Deckmantel von Menschlichkeit eine Art moralisches Whitewashing für Influencer, Politiker und Medienmacher stattfinden kann, dann tragen wir auch eine Mitschuld an grotesken Aktionen wie der Besuch eines japanischen Suizid-Waldes des amerikanischen Youtubers Paul Logan. Die geschmacklose Verwertung eines selbstbestimmten Ablebens einer Person für ein "krasses" Youtube-Video ist lediglich die konsequente Weiterführung einer Reichweitenmehrung durch eine mit Hashtags versehene Bekundung von Anteilnahme.
Sind Dir solche Tweets schon aufgefallen? Findest Du sie in Ordnung oder nicht? Wie sollte man als Influencer auf solche Unglücke reagieren? Sollte man überhaupt reagieren?
Natürlich nicht, denn wer sowas ausnutzt um sich selbst gut darzustellen, auf so eine Kritik gar nicht ehrlich eingeht. Wer tatsächlich in Gedanken bei den Opfern ist und es mitteilt einfach weil man es so gelernt hat ohne groß darüber nachzudenken, der wird sich erst recht angegriffen fühlen. Es ist also in jedem Fall besser sowas nicht direkt zu hinterfragen, sondern besser es allgemein zu formulieren und zum Beispiel in so einem Artikel indirekt mitzuteilen.
Ich glaube, als Influencer darf man schon mal drüber sprechen (warum auch nicht - vielleicht bewegt es einen ja wirklich) ... am besten jedoch, wenn die Leute einem nach der Meinung fragen - vorausgesetzt man hat eine eigene.
Ansonsten sehen ich das wie Du und die anderen Kommentarschreiber vor mir ... einfach mal Ruhe bewahren. Wenn es mich direkt nicht betrifft, warum darüber debattieren und Mitgefühl "heucheln". Vielleicht sollten solche Personen eher mal aktiv werden: den Betroffenen Hilfe/Untersützung anbieten, spenden, selbst mit anpacken, ... Taten sind doch mehr Wert als Worte. Alles andere (bezogen auf reine Textnachrichten) ist dann doch eher fragwürdig.
Ich sag's mal so - mit dem was ich vor kurzem gelesen habe: Lerne ruhig zu bleiben, nicht alles verdient eine Reaktion.
In diesem Sinne einen schönen Sonntag.
Damals strahlten sie unser Rathaus in den Farben Frankreich an, als Zeichen der Anteilnahme. Gut, das schafft zumindest ein Stück Aufmerksamkeit für die Lage in der Welt (für den, der es bis dahin noch nicht begriffen hatte).
Aber als später in Deutschland der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt passierte, regten sich doch ernsthaft Leute darüber auf, warum nicht in anderen Ländern solche oder ähnliche Bekundungen der Anteilnahme vorgenommen wurden. Vielleicht würde es nur nie in den Medien übertragen, ich behaupte das selbige aber auch von der Aktion unseres Rathauses.
Ich finde es schrecklich, dass manche Anteilnahme heucheln, nur um hinterher diese, im Falle eine Unglücks, für sich selbst einzufordern, oder über ihr Fehlen zu schimpfen.
Man sollte mit dem Herzen dabei sein oder halt nicht.
Ich gebe zu, ich habe auch schon mal mein Profilbild nach einem Unglück mit den entsprechenden Nationalfarben dekoriert, ich habe über einen längeren Zeitraum jedes Jahr an einem bestimmten Datum in einem Post an ein Massaker erinnert, habe eine kurze Beileidsbekundung veröffentlicht, wenn ein bekannter Musiker, Schauspieler, Künstler starb.
Das war allein dem Eindruck geschuldet, dass es von mir erwartet wurde.
Deswegen habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt, weil ich finde, dass genau dieser Eindruck nicht entstehen sollte.
Ich kann Menschen betrauern und mich über Katastrophen bestürzen, ohne es jedem mitteilen zu müssen.
Selbst bei vielen Personen der Öffentlichkeit ist es absolut unnotwendig, dass sie sich zu solchen Angelegenheiten äussern. Aber anscheinend reicht es nicht mehr, sich vorstellen zu können, dass jemand trauert. Diese Person MUSS es zeigen, muss es jedem unter die Nase reiben. Daher denke ich auch, dass es nicht nur um das Eigenmarketing in richtung Views und Klicks geht, sondern auch um das Eigenmarketing im Sinne von positiver Publicity.
Der jüngste Fall (bei dem ich mich innerlich übergeben musste) war das Verschwinden von Daniel Küblböck. Dass Leute den Ernst der Lage nicht erkannten und sich sogar darüber lustig machten, ist der Tatsache geschuldet, dass Daniel Küblböck schon damals wähend seiner kurzen Zeit im Rampenlicht unglaublich durch den Kakao gezogen, verpönt und als Witzfigur dargestellt wurde (übrigens von einigen Medien, die sich nach seinem Verschwinden als Moralapostel aufspielten). Aber das war für mich noch nicht einmal das Schlimmste.
Das Schlimmste war, dass einerseits seine ehemaligen DSDS-Kumpanen scheinheilig ihr Beileid bekundeten, obwohl sie zu ihm seit der Zeit damals keinen Kontakt mehr hatten. Und auf der anderen Seite wurde Alexander Klaws übelst beleidigt, weil er eben nichts zu dem Fall gepostet hatte.
Das zeigt mir, dass immer mehr Leute mittlerweile mit genau diesem Gedankengut im Kopf herumlaufen und es als Zwang (von sich und anderen) ansehen, sich zu Unglücken zu äussern. Oder zum Tod eines Musikers, dessen Musik man zum ersten Mal fünf Minuten vorm Veröffentlichen der eigenen Beileidsbekundung gehört hat.