How to make ein Seemannslied
von Manuel Schmitt // 15.09.2018 22:22

Für das neunte Hörspiel aus der Alendia-Reihe stand ich vor einer besonderen musikalischen Herausforderung: Ich musste ein Seemannslied aufnehmen, das den Zusammenhalt einer eingespielten Schiffsbesatzung illustrieren und zugleich die Wehmut und das Heimweh der Matrosen verspüren lassen sollte. In diesem Artikel erkläre ich meine Herangehensweise und die technischen Mittel, die dabei zum Einsatz kamen...

Konzeption

Schon vor der Aufnahme hatte ich eine recht genaue Vorstellung der Musik. Immerhin hatte ich den Text schon Wochen vorher mehrmals durchgearbeitet. Die relevante Stelle im lautete:

Der Lärm an Deck verstummte, und einige der Männer stimmten ein schwermütiges Lied an, begleitet vom Klang einer alten Leier, die der kahle erste Maat mit Hingabe spielte.

Das Lied handelte von Sehnsucht nach einer fernen Heimat, die einem fremd geworden war, von dem unvorhersehbaren Ausgang jeder neuen Reise und dem feierlichen Versprechen, allen Gefahren gemeinsam zu trotzen. Begeistert stimmten alle in den Refrain ein, da ihnen das Lied offenbar wohlbekannt war. Ratran wurde von der traurigen Melodie mitgerissen. Für einen Moment glaubte er nachfühlen zu können, was es hieß, ein Leben auf See zu führen.

Eine Drehleier, eine traurige Melodie und schließlich ein Männerchor – das waren die Vorgaben im Text (zum Glück kein Frauenchor – das hätte mich vor unlösbare Aufgaben gestellt :D). Ich hatte tatsächlich zunächst überlegt, eine rein instrumentale Version aufzunehmen, ohne gesungenen Text, lediglich ein summender Chor. Damit hätte ich den Erzähler nicht unterbrochen, sondern die Musik nur als Atmo unter die Erzählerstimme gelegt. Letztendlich habe ich mich dann doch für einen gesungenen Text entschieden, um das Fernweh und die Kameradschaft besser vermitteln zu können.

Letztendlich hatte ich so viel Spaß beim Erstellen des Tracks, dass ich mich dazu entschlossen habe, eine längere Version als eigenen Song zu erstellen, den ich zusätzlich als werbewirksames Video auf Youtube veröffentlichen konnte. Das Ergebnis ist "Die See ist was ein Seemann kennt" – und das obige Video!

Die See ist was ein Seeman kennt DAW

Herangehensweise

Ich habe zunächst damit begonnen, die Melodie der Drehleier zu komponieren. Hier wusste ich auch schon, dass ich einen tiefen, lang anhaltenden Bass-Ton haben wollte (der sogenannte Bordun), typisch für eine Drehleier. Untypisch ist jedoch, dass ich den Bordunton zweimal wechsle, in die 7te und 5te Stufe. Eigentlich wird bei einer Drehleier nur ein einzelner Bordunton gespielt, der das gesamte Stück durchgehalten wird. Der Zugewinn durch einen Stufenwechsel war hier jedoch höhere Flexibilität in der Melodiegestaltung und eine größere emotionale Wirkung.

Zu der Melodie habe ich das Summen des Chores hinzugefügt. Sowohl im Refrain als auch später in der Strophe folgt der Chor der Drehleier, jedoch in einer weniger verschnörkelten Melodieführung. In Bezug auf die Strophe habe ich zuerst den Text mit Melodie geschrieben und dann Drehleier daran angepasst. Mit diesem Grundgerüst schließlich habe ich zusätzliche Musikinstrumente aufgenommen, die den Chor und die Drehleier unterstützen und den Sound voller und interessanter werden ließen.

Breakdown

Die Drehleier - Eine Drehleier habe ich leider nicht als echtes Instrument zu Hause, somit musste ich mich mit einer digitalen Version begnügen. Genutzt habe ich dafür das Hurdy-Gurdy-Instrument (englisch für Drehleier) aus der Era II Medieval Legends Library von Eduardo Tarilonte. Dabei sind Bordun und Melodie-Instrument aufgeteilt. Für den Bordun habe ich die G und D Rhythms verwendet. Für die 7te Stufe habe ich die G-Rhythms auf F gepitcht.

Era II Medieval Legends

die Streicher - Es gibt zweierlei Streicher in dem Track. Das eine ist eine Bordun-verstärkende Quinte, die von einer Bass Viola da Gamba gespielt wird, ebenfalls aus der Era II Medieval Legends Library. Mit der Wiederholung der ersten Strophe am Ende des Liedes setzen ausserdem Streicher ein, die mit einem satten viertel-basierten Portato weiter den Bordun verstärken. Diese stammen aus der Library The Orchestra.

die Drums - Die Drums mussten epische, große Trommeln sein, wie man sie aus dem Soundtrack von Fluch der Karibik kennt. Hierfür habe ich die HyperToms aus der Library Albion One verwendet. Neben dem tollen Sound hat dieses Instrument auch unterschiedliche Spielvarianten, inklusive einer Art Wirbel-Auftakt, der hier hervorragend hineinpasst.

das Summen - Das Summen wurde von mir eingesungen, jedoch von einem digitalen Chor aus dem Palette Symphonic Sketchpad verstärkt. Oder andersherum, je nachdem, wie man es sehen will. Wenn möglich, vermische ich programmierte Instrumente mit echt eingespielten Takes, da die Mischung oftmals wesentlich überzeugender klingt. Wie ihr im Bild sehen könnt, habe ich mehrere Artikulationen und Gesangstypen zur Auswahl - ich habe mich hier natürlich auf MMM-SUS (M gesummt, ausgehalten) beschränkt.

Palette Symphonic Sketchpad

der Chor - Bei dem Chor mit Text konnte ich auf keine digitalen Hilfsmittel zurückgreifen – ich musste sie selber einsingen. Um den Eindruck eines Haufens von rauhen Seemännern herzustellen, habe ich drei Tricks angewendet. Ich habe zunächst meine normale Gesangsstimme doppelt aufgenommen und nach links und rechts gelegt. Anschließend habe ich zwei weitere Stimmen aufgenommen, diesmal allerdings mit einer rauhen, kehligen Stimme, die wahrscheinlich niemand gerne alleine hören würde. In der Chormischung allerdings geben diese Stimmen dem Track eine Tiefe und das gewisse rauhe Schnarren, das manchmal zu hören ist. Als letztes habe ich eine einzelne, in der Mitte befindliche Stimme aufgenommen, die den Text eine Oktave höher singt. Dadurch wird der "Chor" weiter vergrößert.

Sounddesign

Als allerletztes habe ich mich noch des billigen, aber wirkungsvollen Tricks bedient, Sounddesign mit in den Track zu packen – Wellenrauschen und Mövenschreie. Dadurch wird natürlich direkt das Setting gesetzt und ganz bestimmte Bilder vor dem inneren Auge hevorgerufen, die den Seemans-Shanty weiter unterstützen.

Hat Euch der Song gefallen? Und vor allem, konnte er Traurigkeit, Kameradschaft und Heimweh hervorrufen? Und an die Musiker unter Euch: Welche Library verwendet ihr gerne? Oder habt ihr schonmal einen ähnlichen Song gemacht?

Kommentare
Ke
Keksliz schrieb am 10.09.2018:
Es war Harte Arbeit diesen Song zu machen, zumindest hört es sich auf jeden Fall so an. Ich finde das der Song gelungen ist und man definitiv die Traurigkeit und das Heimweh der Kameraden heraushören konnte. Ich finde das dir der Song super gelungen ist und ich höre ihn gerne :3
Sg
SgtRumpel antwortete am 12.09.2018:
Vielen Dank! :D
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Ro
Rosalie schrieb am 10.09.2018:
Das Lied ist ein echter Ohrwurm für mich geworden. Seit ich es gehört habe, summe ich zwischendurch immer mal wieder die Melodie. Es ist ein wirklich sehr schönes melodisches Lied geworden. Gefällt mir richtig gut und der "billige" Trick mit dem Wellenrauschen und Mövengeschrei hat bei mir richtig gut gezündet :D Ich liebe diese beiden Geräusche sehr. Ich kann förmlich die salzige Luft riechen und den Wind auf meiner Haut spüren. Für mich hat das was von Freiheit und Unbeschwertheit, weil ich nur schöne Erinnerungen mit diesen Geräuschen verbinde und es kommt etwas Melancholie auf, weil ich gerne mal wieder so unbeschwert sein würde wie damals am Meer. Meine Stimmung passt also schon mal zum Lied :D Ich finde es ein bisschen schade, dass ich von dem ganzen technischen Kram keine Ahnung habe und auch nur die Hälfte verstanden habe. Ich würde das auch gerne können. Was ich aber weiß ist, dass Du das echt gut hinbekommen hast. Beim ersten Mal hören habe ich genau hingehorcht um die verschiedenen Stimmen rauszuhören. Diese raue kehlige Stimme dazwischen passt richtig gut und obwohl Du das nur alleine eingesungen hast, hört es sich trotzdem wie ein Chor an und ich glaube jemand der das nicht weiß, dass das nur eine Person gewesen ist, der merkt das auch nicht. Das Lied hat Tiefe, eine sehr schöne Melodie und ist sehr harmonisch. Ob mir der Song gefallen hat? Auf jeden Fall! Die Grundtraurigkeit bringe ich von Hause aus mit und nach Kameradschaft klang das auch. Heimweh hat das jetzt nicht in mir hervorgerufen, weil ich hier gerade zuhause auf dem Sofa liege :D
Sg
SgtRumpel antwortete am 12.09.2018:
Das Heimweh aufm Sofa hält sich natürlich in Grenzen :D Und ja, der Artikel war diesmal etwas technischer, da viele immer gerne die Plugins aufgezählt haben wollen... nerdstuff :D
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Co
CookieEule schrieb am 12.09.2018:
Der Song ist definitiv gelungen und passt hervorragend zur Legende. Mir gefallen die Hintergrundgeräusche (Wasser, Möwen) auch sehr gut - das bringt ein wenig Heiterkeit mit sich. Ansonsten drückt er ja das harte Leben auf See aus ... die Einsamkeit des Meeres und der Blick in die Ferne. Aber auch, dass man seine Kamerade um sich hat und doch nicht allein ist. Ich finde, er wirkt auch schwermütig und erzeugt eine leicht düstere Stimmung. Von dem technischen Zeugs verstehe ich leider nichts - alles nur böhmische Dörfer für mich. Ich kann gerade mal den Takt in einem Lied hören und sagen, ob es ein Cha-Cha-Cha ist oder man doch lieber Disco-Fox tanzen sollte. ;) Trotz allem ist es interesannt, hinter die Kulissen und die Entstehung des Songs schauen zu können. Du hast Dir echt viel Arbeit gemacht - und es hat sich gelohnt! Das Ergebnis überzeugt. Bin auch überrascht, wie viel Du immer selbst machtst, statt einfach fertige "Schnipsel" zu verwenden - echte Handarbeit eben. :) Nur das Heimweh habe ich nicht gehört/empfunden ... fühlte sich eher wie Fernweh an. PS: nachträglich alles Gute zum Geburtstag
Sg
SgtRumpel antwortete am 15.09.2018:
Vielen Dank! :D Vielleicht muss ich ja für eine andere Legende auch mal einen Cha-Cha-Cha komponieren :D
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Fi
Fidie schrieb am 13.09.2018:
Das Lied ist gelungen! Ich hab oft in Liedern eine Textstelle die mich besonders berührt. Bei "...bis wie gemeinsam untergehn" hab ich Gänsehaut bekommen. Das Ende eines Seemans klingt dabei so unausweichlich, gleichzeitig ist er aber stolz auf die Kameradschaft und findet darin Trost. ...das ist was ich dabei gefühlt hab :) Danke das du mich ein bischen mitgenommen hast in die Entstehung des Liedes, war wirklich interessant. Liebe Grüße
Sg
SgtRumpel antwortete am 15.09.2018:
Sehr gerne!
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...auf meinem Blog. Hier schreibe ich über mein kreatives Schaffen, philosophiere über das Leben und rege mich gelegentlich auch über gesellschaftliche Zustände auf.
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