STELLUNGNAHME ZUM RUST-LP UND DEN KOMMENTAREN



Eigentlich wollte ich die Diskussion um die letzten beiden Rust-Folgen unkommentiert lassen, aber während dem Durchlesen der Kommentare ist in mir immer mehr das Bedürfnis gereift, ein paar Gedanken aus meiner Perspektive noch einmal deutlich zu machen.

Dabei geht es weniger um den Raid von TFSL oder deren Ausdrucksweise (Scheiss Gronkh, Dreckschweine, etc), sondern eher die auf allen Channeln immer wieder hervortretende Diskussion um die Survival-Games und wie man sie zu spielen hat. Nur vorab: Mir ist klar, dass meine Position dabei die schwächere ist. Und auch, dass meine Sichtweise einem humanistischen Idealismus nahe kommt, der von vielen als "realitätsfremd" dargestellt wird. Aber gucken wir uns doch mal an, warum das so ist.

Generell werden die Survival-Games mit dem "Recht des Stärkeren" versehen. Habe ich die bessere Waffe, den besseren Skill, die bessere Ausrüstung, bin ich in einer Gruppe mit mehreren Leuten, dann habe ich in den Survival-Games das "Recht", andere umzubringen, zu raiden. Das Spiel lässt das zu, also ist es "legal". Und auch um hier gleich klarzustellen: Ich werde nicht das faschistoide "Recht des Stärkeren" zitieren, um hier die Moralkeule zu schwingen - denn ich glaube, das ist gar nicht notwendig.

Trotzdem fällt es auf, dass meine in Rust geäußerten Sichtweisen auf Chaoszustände und das Verhalten der Menschen in solchen Situationen zu 95% von jungen Männern als "rosa Sichtweise" und "unrealistisch" gebranntmarkt werden. Junge Männer, die sich sicher sind, wie es während einer Apokalypse aussehen wird, junge Männer, die mir vorwerfen, ich sei halt in einem industrialisierten Land aufgewachsen und hätte eben keine Ahnung. Dieselben jungen Männer, die ihre Verhaltenpsychologie von Filmen aus Hollywood (z.B. The Road) abgucken und die Drehbuch-Phastasien anscheinend mit Dokumentationen verwechseln. Denn wie sieht die Realität aus?

Der Mensch ist ein Herdentier - egal in welcher Situation, er braucht die Nähe von anderen Menschen - er ist nicht der Lonely-Survivor, wie viele sich selbst gerne sehen. Fakt ist auch, dass der Mensch an sich seiner Spezies erstmal positiv gegenüber steht - denn sonst hätte er nicht überlebt. Und ich höre jetzt schon die Stimmen, die laut aufschreien und mich an Stammeskriege in Afrika erinnern, an Genozid und Holocaust, an die verabscheuungswürdige, dunkle Seite des Menschen, die von Neid und Egoismus getrieben wird und die unbedingter Bestandteil unserer Spezies ist und gerade in solchen Situationen zum Vorschein tritt.

Dazu kann ich nur sagen, ihr verwechselt den Krieg mit Apokalypse, denn zwischen diesen beiden "Zuständen" gibt es einen elementaren Unterschied. Krieg ist von einer oder beiden Parteien verursacht, er trägt die Zeichen von Neid, Gier, religiösem Fanatismus, von Hass und krankhafter Rechtsverdrehung. Bei apokalyptischen Zuständen gibt es diesen soziologischen Überbau nicht. In einer Apokalypse kämpft nicht Mensch gegen Mensch, sondern man versucht gegen einen äusseren Einfluss zu überleben. Die Verhaltenspsychologie des Menschen hier ist anders - und dafür gibt es unzählige Beweise.

Denkt an Katastrophen wie den Tsunami in Sri Lanka, an Überschwemmungen wie in Queensland, an das Erdbeben in Japan. Das sind apokalyptische Zustände. Die Menschen verlieren ihre Häuser, die Infrastruktur kommt zum Erliegen. Es gibt wenig Nahrung, es fehlt an sauberem Wasser und an Medizin. Die Menschen versuchen gemeinsam, gegen die unwirtlichen Zustände anzukommen, es gibt unzählige Geschichten von Nächstenliebe und Menschlichkeit. Und auch hier höre ich die Stimmen, die sagen, dass es dort Kriminalität, Raubüberfälle, vielleicht sogar Morde gegeben hat. Die Frage ist jedoch, in welchem Prozentsatz diese stattfinden - und wie diese Übergriffe von den Medien übertragen werden. Es ist immer wirkungsvoller von den rechtsfreien Zuständen zu berichten, als von kleinen Gesten der Nächstenliebe.

Es gibt allerdings auch in der Geschichte "Survival-Situationen". Nehmen wir die indianischen Stämme vor der Ankunft des weissen Mannes in Amerika. Auch hier gab es Kriege zwischen den Stämmen, keine Frage. Sie waren blutig und grausam - und sie sind immer das, was uns in Erinnerung bleibt. Sei es durch den Geschichtsunterricht, dessen zeitliche Einteilung oftmals von Kriegsausbruch oder Kriegsende bestimmt wird. Sei es durch Filme und Literatur, die den Protagonisten oder die Protagonistin gerne in Konfliktsituationen setzen, in Extrem-Situationen am Rande des Erduldbaren. Und dabei sieht man wieder, wie der Fokus auf bestimmte Zeitabschnitte oder Ereignisse die Realität verzerren kann. Doch sieht man sich mal genauer an, wie lange z.B. die native Americans auch in Frieden gelebt haben - in denen Landwirtschaft und Kultur vorangetrieben wurden, dann merkt man, dass Geschichte nicht nur aus Tot und Hass besteht.

Kehren wir also nun zu meiner Ausgangsthese zurück, die von sovielen als unrealistisch angesehen wird. Menschen in lebensbedrohlichen Situationen, in der die Bedrohung erstmal nicht von einem anderen Menschen ausgeht. Schaut man sich die Szenarien der Naturkatastrophen an oder auch die nomadische Lebensweise ausserhalb von territorialen Besitzansprüchen, so glaube ich sagen zu können: Menschen helfen sich. Nicht ausschließlich, keine Frage. Doch das Recht des Stärkeren, wie es oftmals in Spielen wie Rust vorgeführt, ist oftmals in der Wirklichkeit die "Verantwortung des Stärkeren". Der Stärkere hilft dem Schwächeren. Und dafür bin ich wirklich dankbar.

Lasst Euch nicht von halbstarken Sozialpessimisten einreden, sie wüssten, wie es in einer Apokalypse aussieht. Glaubt nicht daran, wenn Leute sagen, Raiden und PVP sei das einzige Spielziel in einem Survival-Game. Ein Sandboxgame wird immer nur materiell verstanden, d.h. das Sandboxing besteht meist aus digitalen Items. Dabei kann es genauso ein psychologisch und soziales Sandboxing sein.

Und schon wieder höre ich Stimmen, die sagen, dass ist ja alles schön und gut, aber solange es Spieler gibt, die eben nur raiden und töten, bringt mir eine psychologische Herangehensweise relativ wenig.

Genau. Und hier sind wir genau bei meiner These: Diese Survival-Games haben nichts mit Realität zu tun. Denn hier gibt es eben Individuen, die die Möglichkeiten des Spiels ausloten, ohne irgendeine Art von Hemmschwelle, die in der Realität durchaus vorhanden ist, als Grenze anzusehen.

Die Möglichkeiten des Ausraubens und Tötens haben wir auch im echten Leben. Trotzdem ist das ein Akt, der nicht nur in unserer von Gesetzen und Normen bestimmten modernen Welt ein Extrem darstellt. Die Frage ist doch, zu welcher Gruppe von Menschen willst Du gehören? Wenn man die Kommentare auf Youtube querlist, könnte man meinen, die Welt sei voller abgehärteten Survival-Experten, die bei Blickkontakt schießen. Seid beruhigt. Das sind junge Männer, die in einer Apokalypse genauso viel Angst haben wie wir alle und sich genauso über eine helfende Hand freuen wie jeder. Und wenn wir Glück haben, haben sie in der Situation auch gelernt, dass gegenseitige Hilfe und Nächstenliebe besser zum Überleben beitragen kann als Raiden und Töten.

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